1933 – Chronik der Ereignisse

Chronik über die Entstehung des KZ-Außenlagers in Engerhafe, ab 1933

Inhaltsverzeichnis
Situation in Deutschland
Situation in Engerhafe
Zeitlicher Verlauf der Ereignisse
Nach 1945
Aktivitäten ab 1980

Situation in Deutschland
Mit der Ernennung Hitlers zum Kanzler des Deutschen Reichs am 30. Januar 1933, begann die Zeit der Machtübergabe. Die Reichstagswahl am 5. März 1933 brachte nicht die absolute Mehrheit der NSDAP. Mit dem Ermächtigungsgesetz, das am 23. März 1933 mit Hilfe einiger konservativer Politiker anderer Parteien beschlossen wurde, erreichte man die Machtübergabe im Reich.

Nach dem Angriff Deutschlands auf Polen am 01. September 1939 erklärten Frank-reich und England den Krieg gegen Deutschland. Nach der Besetzung der Nieder-landen, von Belgien und des größten Teil von Frankreich, sollte die Invasion von England erfolgen, die mit dem Luftkrieg zwischen Sommer 1940 und Anfang 1941 eingeleitet worden ist. Dieses aber misslang, und die Lage wendete sich. Die Royal Air Force begann erste Angriffe auf deutsche Städte in der Nacht auf den 12. Mai 1940. In der Folgezeit flog die RAF Angriffe auf deutsche Städte. Als Reaktion auf das Bombardement bauten die Deutschen in den Städten Bunker, die Arbeiter waren in der Regel zwangsrekrutierte Ausländer aus den Besetzungsgebieten. Für die Unterbringung der Arbeiter wurden Barackenlager in der weiteren Umgebung gebaut.

Die Konzentrationslager wurden in der Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten von Organisationen der NSDAP ebenfalls in Barackenbauweise errichtet. Es waren schließlich mehrere Tausend Konzentrations- und Nebenlager und sieben Vernichtungslager. Sie dienten der Ermordung von Millionen Menschen, der Unterdrückung politischer Gegner, der Ausbeutung durch Zwangsarbeit, medizinischen Menschenversuchen und der Internierung von Kriegsgefangenen. Das Lagersystem stellte ein wesentliches Element der nationalsozialistischen Unrechtsherrschaft dar.

Situation in Engerhafe
Die Machtübergabe im Deutschen Reich setzte sich auch in den Landgemeinden fort. Alle Bürgermeister der Gemeinden Engerhafe, Oldeborg, Upende und Fehnhusen wurden 1933 gegen Parteimitglieder oder der Partei nahe stehende Personen ausgetauscht. Auch die Gemeinderäte waren nicht mehr gewählt, sondern nach dem Führerprinzip ernannt worden. Ein Ortsgruppenleiter der NSDAP hatte in allen Entscheidungen der Bürgermeister das letzte Wort. In unserer Region bestanden in Upende und Theene schon 1930 Ortsgruppen der NSDAP, in Victorbur wurde 1933 eine weitere gegründet.

Nach einer Verfügung des Oberpräsidenten der Provinz Hannover wurden die Gemeinden Engerhafe, Oldeborg, Upende und Fehnhusen unter dem Namen Gemeinde Oldeborg vereinigt. Gründe dafür waren unter anderem, dass nicht genügend qualifizierte, der NSDAP nahestehende Personen vorhanden waren um die Bürgermeisterposten zu besetzten.

Im Einzugsgebiet der Kirchengemeinde Engerhafe betrug die Anzahl der Mitglieder der der NSDAP nahestehenden „Deutschen Christen“ (DC) über 40. In Engerhafe hat es einen Gottesdienst der DC im Jahr 1934 mit schwacher Beteiligung der Gemeinde gegeben.

Der Pastor in Engerhafe, Cornelius Eberhard Schomerus, war ein Verfechter der Bekennenden Kirche und hatte in seiner Gemeinde 250 Anhänger dafür gewinnen können. Im Ortsteil Engerhafe war allerdings der Zuspruch am geringsten und nach Auskunft seines Sohnes hier auch die Anfeindungen gegen ihn am größten. Nach seiner Aussage wurde deshalb von der Landeskirche versucht, Pastor Schomerus aus der Gemeinde abzuziehen um ihn diesen Anfeindungen nicht mehr auszusetzen. Am 31.10.1941 verließ Cornelius Eberhard Schomerus Engerhafe, weil er Superintendent in Esens geworden war.

In der Folgezeit leistete Pastor Enno Janssen einen großen Teil der Vakanzvertretung. Er war von 1933 bis zu seinem Ruhestand 1952 Pastor in Münkeboe. Als Pastor Janssen krank (Juli 1943 bis Oktober 1944) wurde, waren Pastor Elster aus Marienhafe und Pastor Linnemann aus Osteel im Wechsel für Engerhafe, Münkeboe-Moorhusen, Victorbur, Moordorf, Wiegboldsbur, Forlitz-Blaukirchen, Siegelsum, Marienhafe, Osteel und Berumerfehn zuständig, weil viele ihrer Amtsbrüder im Militärdienst waren.

Zeitlicher Verlauf der Ereignisse
Am 16. März 1942 beschlagnahmte die Organisation Todt Pfarrgarten und Pfarrhaus der damals vakanten Kirchengemeinde in Engerhafe und errichtete Baracken für Zwangsarbeiter, die in Emden Bunker bauen sollten. Der Bautrupp wurde ins Pfarrhaus einquartiert in der schon Ausgebombte von Emden wohnten. Zwei Baracken wurden im Pfarrgarten aufgebaut, weitere Baracken auf dem Dodentwenter, dem Schulhof der Volksschule Engerhafe und auf Privatland. Dafür musste weiteres Land beschlagnahmt werden, nämlich Kirchenland nördlich der Pastorei, die Straße „Dodentwenter“, der Spielplatz der Engerhafer Volksschule, sowie ein Streifen Privatland westlich des Dodentwenter Weges.

Der Beschlagnahme wurde seitens der Kirchengemeinde widersprochen. Über das Landeskirchenamt wurde eine Eingabe beim Regierungspräsidenten gemacht, eine Antwort auf die Eingabe ist nicht auffindbar.

Die Vergütung für die Benutzung der Kirchenländereien und der Benutzung von Ländereien der Gemeinde Oldeborg übernahm die Stadt Emden. Die Vergütung wurde vom Landrat – Abtlg. Festsetzung von Mieten und Pachten –  festgesetzt auf 10 RM pro Jahr für die Gemeinde Oldeborg und 100 RM pro Jahr für die Kirchengemeinde Engerhafe. Es wurden drei Zahlungsanordnungen geschrieben, die Erste für den Zeitraum von Februar 1942 bis Juli 1944 über 250 RM und 25 RM, die Zweite für den Zeitraum vom 01. August 1944 bis zum 31. März 1945 über 6,72 RM und 66,64 RM, die Dritte vom 01. April 1945 bis zum 31. März 1946 über 100 RM.

Der Bunkerbau in Emden war gegen Ende des Jahres 1942 in großen Teilen abgeschlossen. Infolgedessen stand das Lager in Engerhafe dann zunächst leer.
Am 21. Oktober 1944 erfolgte die Umwandlung des Barackenlagers in ein Nebenlager des Konzentrationslagers Neuengamme. Zunächst kamen 400-500 Gefangene die das noch offene Barackenlager in ein geschlossenes, mit elektrischem Draht und Wachttürmen gesichertes umbauten. Eine Baracke blieb außerhalb des Zauns, als Unterkunft für die Wachmannschaft. Es wurde ein Lagertor errichtet, zusätzliche Toiletten und ein Appellplatz erstellt. Dazu wurde wahrscheinlich zusätzlich ein Streifen Privatland westlich des Dodentwenter Weges und weitere Teile des Schulhofs beschlagnahmt.

Die KZ-Gefangenen hatten den Auftrag einen Panzergraben um Aurich herum auszuheben. Dazu mussten sie täglich nach Georgsheil marschieren und wurden von dort mit der Bahn nach Aurich gefahren. Sehr schnell kam es wegen der unzureichenden Ernährung, schlechter hygienischer Verhältnisse und der unmenschlichen Behandlung zu Sterbefällen.

Am 4. November wurden die ersten fünf gestorbenen Insassen noch in Särgen in drei normalen Wahlgrabstellen beerdigt. Das Kirchenvorstandsprotokollbuch vermerkt am 6. November 1944: „Das Barackenlager im Pfarrgarten ist seit einiger Zeit in ein Gefangenenlager verwandelt und sehr stark belegt worden. Es sind Todesfälle eingetreten, bis zum heutigen Tag zehn. Die Kirchengemeinde muss für Beerdigung sorgen.“ Der Kirchenvorstand beschließt weiterhin: „Der Kirchhof wird um die freie Fläche südlich des Glockenturms und dem hieran anschließenden früheren Spielplatz erweitert. […] Die südliche Hälfte wird zur Beerdigung der Strafgefangenen zur Verfügung gestellt.“

Am 15. Dezember 1944 begann der Rücktransport von 600 Schwerstkranken nach Neuengamme. Mit der Überstellung der restlichen Häftlinge nach Neuengamme um den 22. Dezember 1944 wurde das Lager wieder aufgelöst. 188 der Insassen starben an der unmenschlichen Behandlung. Pastor Janssen schreibt später in der Kirchenchronik: „Dem Totengräber wurden 187 Gestorbene gemeldet, die ohne kirchliche Beteiligung und auch sonst ohne jede Rede begraben wurden“.

Einige Wochen vor Kriegsende wurden noch ausländische, meist holländische Fremdarbeiter im Lager interniert, bis sie von Kanadiern befreit und versorgt wurden, einer von ihnen starb am Tage vor seiner Heimreise, er wurde von Pastor Enno Janssen auf dem KZ-Friedhof bestattet und ist als 189. Name auf der Gedenktafel eingraviert.

Im Juni 1945 wurde die deutsche Hollandarmee in Ostfriesland, nördlich des Ems-Jade-Kanals interniert. In dem Barackenlager in Engerhafe sollen sich anfangs 3.000 Soldaten befunden haben. Bist etwa Februar 1946 wurden die Soldaten nach und nach entlassen.

Nach 1945
Nach Ende des 2. Weltkriegs wurden im Lager noch ehemalige Parteiangehörige der NSDAP festgehalten und „entnazifiziert“. Im Februar 1946 erhielt der Fuhrunternehmer Dirks den Auftrag die Baracken, bzw. Teile davon, von Engerhafe nach Emden zu transportieren. Einige Baracken dienten Ausgebombten aus Emden und Flüchtlingen aus dem Osten als Behelfswohnung. Auf dem ehemaligen KZ-Gelände war das bis zum 1. Mai 1948 und im Pfarrgarten bis zum Jahr 1960 der Fall.

Kurz nach Kriegsende stellte die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) auf dem Friedhof der Kirchengemeinde Engerhafe Gedenksteine auf. Ein flacher Gedenkstein an der Nordseite vor dem Glockenturm erhielt damals die Aufschrift: „Hier ruhen ? ? ? Opfer des Faschismus“. Die drei Fragezeichen waren eingefügt worden weil man die Angaben der Lagerleitung bezweifelte und viele unterschiedliche Opferzahlen kursierten. Ende 1946 wurde der Friedhofsteil, in dem die verstorbenen KZ-Insassen begraben waren, von einem Gärtner hergerichtet. Die KG Engerhafe und die Gemeinde Oldeborg teilten sich die Kosten.

1952 wurden die Leichen im Auftrag des französischen Suchdienstes exhumiert und identifiziert. Im Gedenkstein wurden die 3 Fragezeichen entfernt, weil jetzt die Anzahl der Verstorbenen durch die Exhumierungen bestätigt wurde. Von den 188 Opfern des KZ’s und dem im Mai 1945 verstorbenen Belgier wurden 50 in ihre Heimat oder auf Ehrenfriedhöfe in Deutschland überführt. Von den verblieben 139 Leichen, ist von 82 die Identität geklärt.

Nach Kriegsende wurden regelmäßige Gedenkfeiern in Engerhafe abgehalten. Am Totensonntag 1952 legte die KG Engerhafe 2 Kränze an den Mahnmalen ab. Einladungen zur Gedenkfeier gingen an die Gemeinde Oldeborg und die KZ-Gemeinschaft Aurich.

Später, während des Kalten Krieges, wurden die Aktivitäten beim Gedenken der Opfer, vom Verfassungsschutz überwacht und auch von großen Teilen der Bevölkerung boykottiert. Auch von übergeordneten kirchlichen Stellen wurde vor der Beteiligung an gemeinsamen Versammlungen mit der VVN gewarnt.

Aktivitäten ab 1980
1981 fasste Martin Wilken seine Untersuchungsergebnisse in einem elfseitigen Bericht über „Das Konzentrationslager Engerhafe. Kommando Aurich-Neuengamme“ zusammen. Der Anlass war eine Nachfrage der Stadt Hamburg an die Gemeinde Oldeborg. 1982 erschien als Beilage zu den Ostfriesischen Nachrichten in Heimat-kunde und Heimatgeschichte: Martin Wilken; Barackenlager im Pfarrgarten.

Als der DGB-Kreis Aurich am 30.01.1983 zum 50. Jahrestag der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten eine Gedenkveranstaltung am Lagerfriedhof in Engerhafe abhielt, war die Existenz dieses Konzentrationslagers weithin unbekannt.

Die Historikerin Elke Suhr, besuchte mit Wilken zusammen Zeitzeugen in Ostfriesland und befragte zudem ehemalige Häftlinge in Belgien, Polen und den Niederlanden. Ihre Dokumentation über „Das Konzentrationslager im Pfarrgarten“, erschien 1984.

Im Rahmen von mehreren Projektwochen befassten sich Schüler des Auricher Ulricianums in den Jahren 1986 bis 1988 mit dem ostfriesischen Konzentrationslager und entwarfen, angeleitet von ihren Lehrern Herbert Müller, Bernd Meyse und Anjos Joao dos Neves, zwei Gedenksteine, auf denen die Namen sämtlicher KZ-Opfer verewigt sind und einen dritten, der über das Lager informiert.

Nach vorausgegangenen Gesprächen zwischen der Gemeinde Südbrookmerland und dem Kirchenvorstand der Kirchengemeinde Engerhafe, beschließt der KV Engerhafe am 08. September 1988, vorbehaltlich der kirchenaufsichtlichen Genehmigung, die Erweiterung der Gedenkstätte um zwei Gedenksteine, auf denen die Namen sämtlicher KZ-Opfer verewigt sind und einen dritten, der über das Lager informiert. Das Gedenk- und Mahnmal wird am 31. August 1990 um 17.00 Uhr, der Öffentlichkeit vorgestellt und übergeben.

1994 beschäftigte sich eine AG in Engerhafe mit der Thematik des KZ-Außenlagers. Unter dem Titel „Unter dem Schatten der Vergangenheit“ fand eine Veranstaltungsreihe mit Ausstellungen und Diskussionen statt. Pastor Sanders übernahm den Vorsitz der AG. Nach einem Eklat in dem Rathaus in Aurich (In einer Ausstellung wurde das Tucholsky-Zitat: “Soldaten sind Mörder” verwendet), gab Pastor Sanders den Vorsitz in der AG ab und die Veranstaltungsreihe endete vorzeitig.

Mit den Planungen zur Erstellung des neuen Mahnmals 1989 und mit den Vorbereitungen zum Begehen des 50. Jahrestages 1994 begann in einer breiten Schicht die Auseinandersetzung mit dem Thema. Beim Volkstrauertag wurden wieder Kränze an beiden Mahnmalen (Kriegerdenkmal und KZ-Mahnmal) abgelegt.

„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ war der Titel einer Ausstellung die vom 01. November bis zum Buss- und Bettag am 19.11.2008 in der Kirche Engerhafe und im Gulfhof Ihnen gezeigt wurde. Die Initiative ging von Herbert Müller aus. Ein Vorbereitungsteam mit dem Kirchenvorstand, dem Vorstand Gulfhof Ihnen, Herbert Müller und Ulrich Kohlhoff bereitete die Ausstellung vor. Die Kirchengemeinde war gemeinsam mit dem Verein „Gulfhof Ihnen“ Veranstalter der Ausstellung und stellte Kirchenräume und Aufsicht für die Ausstellung. Begleitprogramm das in der Kirche stattfand, wurde von der KG organisiert. Der Kirchenkreis Aurich beteiligte sich ebenfalls.

Aus diesem Vorbereitungskreis ging die Initiative zur Gründung des „Verein Gedenkstätte KZ-Engerhafe“ hervor.

Gerd Lücken, 2014