Die Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Engerhafe während der nationalsozialistischen Diktatur unter Berücksichtigung des ehemaligen Konzentrationsaußenlagers Neuengamme in Engerhafe

Bachelorarbeit von Ingo Lücken, vorgelegt, Oldenburg den 13.02.2013

Inhaltsverzeichnis

1     Einleitung

2     Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Engerhafe und der Nationalsozialismus

2.1      Der Kirchenkampf in Ostfriesland

2.2      Die Situation in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Engerhafe

2.2.1    Die Auseinandersetzungen mit den Deutschen Christen
2.2.2    Die Durchsetzung nationalsozialistischer Rassenideologie durch kirchliche Amtshilfe
2.2.3    Der Konflikt zwischen den Verpflichtungen des Konfirmandenunterrichts und des Hitlerjugenddienstes
2.2.4    Zeit der Vakanz: Schomerus im Krieg

3     Die Auseinandersetzungen der Kirchengemeinde Engerhafe mit dem Konzentrationsaußenlager Neuengamme in Engerhafe

3.1      Die Vertretung durch Pastor Enno Janßen in der Vakanzzeit

3.2      Die Beschlagnahmung des Pfarrhauses und des Pfarrgartens und der Bau eines Gemeinschaftslagers

3.3      Umfunktionierung und Erweiterung zum Konzentrationslager

4     Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Herbert Müller, Eisige Stille – Das Lager in Engerhafe, Öl auf Japanpapier, 2013

1 Einleitung

„Vielen Dank auch dem Kirchenvorstand dafür, dass wir heute hier in der Kirche sein dürfen – einem Ort, der vor 66 Jahren für die Menschen versperrt war, die im KZ weniger als 200 m von hier entfernt gefangen waren. Auch damals waren Menschen hier in der Kirche versammelt, zu Gottesdienst und Gebet während gleichzeitig draußen die Gefangenen gequält wurden, hungerten und starben. In den zwei Monaten, die das Lager bestanden hat, sind von 2000 Gefangenen 188 gestorben durch Hunger, Erschöpfung, Gewalt und Krankheiten.“

Als ich vor gut zwei Jahren, am 23.10.2010, die Gedenkveranstaltung zum 66. Jahrestag der Errichtung des Konzentrationsaußenlagers in Engerhafe unter dem Leitgedanken „Das Fenster öffnen“ besuchte, hat mich diese Passage in der Begrüßungsansprache von Ulrich Kohlhoff, dem 2. Vorsitzenden des Vereins KZ-Gedenkstätte Engerhafe e.V., nachhaltig beschäftigt.

In einer direkten Gegenüberstellung von Versammlungen zum Gottesdienst einerseits und dem Leid der KZ-Häftlinge andererseits weist er auf die Konfrontation der Kirchengemeinde mit dem Unfassbaren hin: ein Konzentrationslager im Pfarrgarten. Auch das Bild von Herbert Müller auf der Titelseite thematisiert die bedrohliche Verkettung zwischen den beiden Komplexen. Die enge lokale Verbindung zwischen der Kirchengemeinde und dem Konzentrationslager hat die Bewohner immer wieder sehr bewegt. Neben vielen Initiativen zum Gedenken an die Opfer durch öffentliche Organisationen, wie den DGB oder das Gymnasium Ulricianum Aurich, durch Einzelpersonen sowie durch die Kirchengemeinde selbst, sorgt der 2009 gegründete Verein für verbreitetes Interesse an dem ehemaligen Konzentrationsaußenlager Neuengamme in Engerhafe.

Und auch mir stellt sich seit Langem die Frage, wie die Engerhafer Kirchengemeinde zum Konzentrationslager und im Allgemeinen zum Nationalsozialismus stand. Mein persönliches Ziel besteht darin, besser zu verstehen, was die christliche Religion und der Nationalsozialismus den Menschen bedeuteten, und welche Spielräume die Engerhafer Kirchengemeinde im Umgang mit dem Konzentrationslager hatte. Darüber hinaus möchte ich im Sinne des Leitwortes der Gedenkveranstaltung mit dazu beitragen durch die historische Aufarbeitung „das Fenster“ für die Kirchengemeinde Engerhafe ein Stück weiter zu öffnen und damit zugleich die weitere öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Kirche und Nationalsozialismus“ anregen.
In einem aktuellen Forschungsbericht über den Stand des Forschungsfeldes „Protestantismus und Nationalsozialismus“ erklärt Gailus, dass sich mit der Öffnung der NS-Kirchengeschichte zur Allgemeingeschichte, durch die Einbeziehung von Politik- und Sozialgeschichte sowie durch eine sozial- und mentalitätshistorische Erforschung des Religiösen im Zuge des cultural und religious turn seit 1980 ein Wandel vom frühnachkriegszeitlichen Umgang mit der Kirchenkampfgeschichte als „Leidens- und Opfergeschichte“ zur „Täter- und Anpassungsgeschichte“ vollzogen hat. Da der Begriff „Kirchenkampf“ ein Geschichtsbild darstellt, das durch eine unkritische, selbstrechtfertigende und theologienahe Kirchenkampfgeschichte gekennzeichnet ist, die die Verflechtungen und Vermischungen mit dem Nationalsozialismus nahezu unberücksichtigt ließ, ist die „Dekonstruktionsarbeit an diesem alten Geschichtsbild“ das Merkmal aktueller Forschung. Gailus spricht in seiner These von einer nahezu „hundertjährigen babylonischen Gefangenschaft der protestantischen Kirche“. Er geht davon aus, dass der deutsche Protestantismus sich spätestens mit der „freiwilligen Anverwandlung an den modernen Massennationalismus seit 1870/71“ in eine „babylonische Gefangenschaft“ begab, „aus der er sich erst nach schweren Irrungen und Wirrungen, nach tiefen selbstzerstörerischen Krisen – Jahrzehnte nach 1945 –“ befreien konnte.

Aktuelle Forschungen haben ergeben, dass die evangelische Kirche insgesamt keine unmittelbaren Gegenbewegungen zum Nationalsozialismus mobilisierte. Die Oppositionsbewegungen der evangelischen Kirche waren innerkirchlicher Natur, deren wesentliche Ziele sich auf die theologische Distanzierung von den Deutschen Christen beschränkten, die eine Vermischung von Theologie, nationalsozialistischer Ideologie und Politik anstrebten, ferner sei es um die „Selbstbehauptung der Kirche und ihres spezifisch sozial-moralischen Milieus“ gegangen „gegenüber dem totalitären Bildungs- und Menschenführungsanspruch des Nationalsozialismus“. Für die evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden im Raum Ostfriesland lieferte Delbanco eine tendenzielle Bestätigung dieses Forschungsergebnisses: Die Opposition der bekenntnistreuen Pastoren und Gemeindeglieder habe sich in erster Linie gegen Gewaltübergriffe der Deutschen Christen gerichtet. Dabei seien Widersprüche gegen staatliche Maßnahmen seltener geäußert worden, in der Regel nur in Fällen, in denen kirchliche Belange berührt gewesen seien.

Zur evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, zu der die Kirchengemeinde Engerhafe gehört, sind für die Zeit des Nationalsozialismus einige umfangreiche Monographien und Sammelbände erschienen. Eberhard Klügel hat zunächst mit seiner 1964 erschienenen Gesamtdarstellung der Landeskirche ein maßgebliches Werk vorgelegt, das die zeitgeschichtliche Auseinandersetzung mit der hannoverschen Landeskirche für zwei Jahrzehnte bestimmte. Damaligen lokal- und regionalgeschichtlichen Arbeiten diente die Arbeit Klügels als Muster. Neuere Forschungsbeiträge sehen darin jedoch eine zur Rechtfertigung tendierende Behandlung der Landeskirche während der NS-Zeit, die einer möglichst wirklichkeitsgenauen Darstellung nicht genüge. In den achtziger Jahren erfolgte ein Neuansatz bei der Darstellung kirchlicher Zeitgeschichte, der sich besonders an lokalgeschichtlichen Quellen orientierte. In dem Bemühen, ein „möglichst umfassendes und differenziertes Bild der Landeskirche entstehen zu lassen“, werden jüngere Studien im Sammelband „Bewahren ohne Bekennen?“ zusammenhängend vorgestellt. Zu Recht wird hier auf „spürbare Lücken“ hingewiesen, da sich der regionalgeschichtliche Bezug nur aus der Berücksichtigung der hannoverschen Stadtteile ergibt. Die Herausgeber ordnen den Band daher als „Zwischenbilanz bisheriger Forschung“ ein. Der aktuellere Sammelband von Gailus und Krogel „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche im Nationalen“ gibt einen breiteren Einblick durch die Einbeziehung verschiedener Regionalstudien.

Abgesehen von zahlreichen Werken über die evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover, zu der die ostfriesische Kirche organisatorisch gehört, ist die Forschungslage in lokalgeschichtlicher Hinsicht für Ostfriesland äußerst dürftig. Delbanco stellte fest, dass die Quellen für die Rekonstruktion des Kirchenkampfes in Ostfriesland lückenhaft sind, da sie teilweise durch Kriegseinwirkungen zerstört worden seien. Dazu kommt, dass nur wenige Pfarrbüros über eine Schreibmaschine verfügten, sodass häufig keine Durchschriften der eigens verfassten Briefe vorliegen. Des Weiteren fehlten Quellen, weil die Deutschen Christen kein Archiv führten und vermutlich auch Dokumente mutwillig vernichteten.

Da die Literatur für den Raum Ostfriesland überschaubar ist, möchte ich sie bündig skizzieren: Eine erste Schrift über den Kirchenkampf der reformierten Gemeinden in Nordwestdeutschland verfasste Middendorff, der die Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus noch selbst miterlebt hat. Einen kurzen gesamtprotestantischen Abriss zu den Entwicklungen der evangelischen Kirchen im Kirchenkampf beinhaltet die umfangreiche Monographie von Smid zur gesamten ostfriesischen Kirchengeschichte. Die bisher detaillierteste Darstellung der Auseinandersetzungen zwischen den evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden und den Deutschen Christen, die wegen der Zahlreichen Hinweise auf Quellen für die vorliegende Arbeit sehr wertvoll war, legte Delbanco vor. Ferner erschienen zwei Aufsätze von Delbanco bzw. Uthoff zur lutherischen und reformierten Kirche in Aurich während der NS-Zeit, in dem von Reyer herausgegebenen Sammelband. Abschließend ist eine Examensarbeit von Pfanne zu den Kirchengemeinden Aurich, Holthusen, Leer-Loga und Wiefels zu erwähnen, die besonders die Abwehr der Deutschen Christen durch die Bekenntnisgemeinschaften in den Vordergrund rückt.

Neben vielen bisher erschienenen Artikeln und Leserbriefen in ostfriesischen Tageszeitungen oder Zeitschriften ist Forschungsliteratur zum Konzentrationsaußenlager in Engerhafe kaum vorhanden. Ich möchte daher den aktuellen Stand der vorhandenen Literatur bilanzieren: Initiiert durch eine Anfrage des Museums für Hamburgische Landesgeschichte an die Gemeinde Südbrookmerland führte Wilken anhand von Quellen und Zeitzeugenbefragungen unter Engerhafer Bewohnern eine erste Bestandsaufnahme durch. Indem Wilken seine Ergebnisse in einem Artikel in den Ostfriesischen Nachrichten ans Licht brachte, wurde 1982 erstmals öffentlich über das KZ Engerhafe berichtet. Suhr weitete Wilkens Pionierarbeit durch viele Zeitzeugenbefragungen, das Hinzuziehen der Gerichtsprozessakte des ehemaligen Lagerleiters sowie weiterer Archivbestände zu einer detailreichen und der bisher umfassendsten Darstellung des Konzentrationslagers und Panzergrabenkommandos aus. Einen weiteren Zeitzeugenbericht über das Überleben im Lager enthalten die Erinnerungen von Bamberg. Im bereits erwähnten Sammelband von Reyer befasst sich Staschen grundlegend mit den Arbeits- und Gefangenenlagern im Kreis Aurich sowie dem KZ Engerhafe. Neben einer Schilderung der Zustände im Lager und beim Panzergrabenbau gibt Staschen der Erforschung der Verteidigungsanlagen des „Friesenwalls“ neue Anstöße. Im Rahmen einer Dokumentation aller Zwangs-, Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen in Weser-Ems berichtet Heuzeroth über das Konzentrationsaußenlager Engerhafe und bezieht sich hierbei im Wesentlichen auf Suhrs Broschüre. Gesondert hervorzuheben sind die zahlreichen Bildwerke von Müller, der sich künstlerisch mit dem KZ Engerhafe auseinander setzt und der in seinen Malereien die bisher erfolgte historische Aufarbeitung thematisiert sowie wichtige Impulse für die Wahrnehmung des Lagers in der Öffentlichkeit und die Gedenkstättenarbeit leistet. Die Examensarbeit von Saathoff behandelt das KZ Engerhafe als didaktisches Material zum Thema „Kirche und Nationalsozialismus“ im Religionsunterricht und erörtert anhand des Bisherigen die Frage eines angemessenen Gedenkens in Engerhafe. Aktuell ist ein Bericht von Janßen über die Häftlinge sowie Zwangs- und Fremdarbeiter beim Emder Bunkerbau erschienen, der auch Details zum Engerhafer Arbeitslager als Unterkunft von Fremdarbeitern anführt.

Zur Diskussion der Frage, wie die Kirchengemeinde Engerhafe zum Nationalsozialismus und insbesondere zum Bestand des Konzentrationsaußenlagers eingestellt war, soll die Darstellung der Engerhafer Kirchengemeinde anhand ausgewählter Themen rekonstruiert werden, sofern es die Quellenlage ermöglicht. Dabei gestaltete sich die Quellensuche mühevoll. Da die Bestände des Engerhafer Pfarrarchivs lückenhaft sind, bedurfte es weiterer Recherche. Nahezu erfolglos verlief der Besuch im Staatsarchiv Aurich, dessen bestellte Akten für den kirchengeschichtlichen Schwerpunkt meiner Arbeit leider kaum herangezogen werden konnten. Dagegen stellten sich die Akten der Kirchenkampfdokumentation des landeskirchlichen Archivs in Hannover sehr ergiebig heraus, welche viele Schreiben des Engerhafer Pastors Schomerus enthielt. Außerdem konnten weitere Zusammenhänge durch die Quellen des Ephoralarchivs Aurich / Großefehn sowie der Generalsuperintendantur Aurich erschlossen werden. Des Weiteren beziehe ich mich auf Dokumente der Kirchenkampfakte des Pfarrarchivs Münkeboe sowie auf Akten des Bunkermuseums in Emden. Letztendlich waren von rund 1200 durchgesehen Seiten an Quellen etwa 160 (100? s. Literaturverzeichnis!) verwertbar.
Im ersten Teil werde ich mit der Skizzierung des Kirchenkampfes in Ostfriesland beginnen, um die Rahmenbedingungen für die Erörterung der Situation in Engerhafe aufzuzeigen. Die Situation in Engerhafe soll dann anhand von drei Themenfeldern beleuchtet werden. Zunächst werden die Auseinandersetzungen mit den Deutschen Christen durch eine Quellenanalyse von Briefen des Engerhafer Pastors Schomerus an den Gauobmann der Deutschen Christen Pastor Meyer in Aurich und den Landesbischof August Marahrens erläutert. Anhand der Auseinandersetzungen im Kirchenkampf dürften Positionierungen zum Nationalsozialismus zu erkennbar werden. Ferner liefern Briefe der Reichsstelle für Sippenforschung, Aussagen im Visitationsbericht sowie ein Brief an den Superintendenten Elster Material, um das Verhältnis der Kirchengemeinde zum Nationalsozialismus zu untersuchen. Abschließend sollen Einflüsse und Auswirkungen des Nationalsozialismus auf das Gemeindeleben im Zusammenhang mit dem Hitlerjugenddienst und der Vakanzzeit im 2. Weltkrieg herausgearbeitet werden, und zwar anhand von unterschiedlichen Quellen: einem Visitationsbericht und Briefen von Schomerus an die Leitung der Hitlerjugend sowie aus seinem Kriegseinsatz.

Der zweite Teil der Arbeit behandelt die Auseinandersetzung der Kirchengemeinde mit dem Bau des Fremdarbeiterlagers im Pfarrgarten im Jahre 1942 sowie dessen Erweiterung zu einem Konzentrationslager auf Ländereien der Kirche und der Kommune sowie Privatland im Jahre 1942. Dazu werden Briefe des Münkeboer Pastors Janßen analysiert, der größtenteils die Hauptvertretung der vakanten Engerhafer Gemeinde ab 1939 übernahm, und Pastor Janßens Haltung zum Nationalsozialismus untersucht. Daran anschließend werden die Vorgänge zur Beschlagnahme des Pfarrhauses und des Pfarrgartens anhand der Briefwechsel zwischen Janßen und dem Landeskirchenamt in Hannover bzw. dem Landrat in Aurich, dem Reichsminister für Bewaffnung und Munition sowie dem Emder Oberbürgermeister rekonstruiert. Abschließend sollen Äußerungen von Janßen zum Konzentrationslager im Kirchenvorstandsprotokollbuch und in der Kirchenchronik bewertet werden, um in der Schlussbetrachtung zu einem Resümee hinsichtlich der aufgeworfenen Fragen zu gelangen.

2 Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Engerhafe und der Nationalsozialismus

2.1 Der Kirchenkampf in Ostfriesland

Die „völkische“ Aufbruchsstimmung der Nationalsozialisten machte sich besonders nach Hitlers Machtübernahme im Januar 1933 auch in den evangelischen Kirchengemeinden bemerkbar. Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler löste im protestantischen Milieu eine nationale Euphorie aus. Durch öffentliche Meldungen befürworteten Kirchenleitungen die politische Wende von der demokratischen Weimarer Republik zum autoritären Führerstaat und bescheinigten dem neuen NS-Regime „unaufgefordert und emphatisch“ seine religiöse Legitimation. Das Zusammengehen von Kirche und „nationaler Erhebung“ drückte sich jedoch vor allem in der kirchenpolitischen Bewegung „Deutsche Christen“ aus, einer Strömung, die aus einer den Nationalsozialistischen außerordentlich verbundenen Kirchenpartei hervorging.

Dem Totalitätsanspruch der Partei entsprachen die zwei grundlegenden Ziele der Deutschen Christen:
– die Integration der nationalsozialistischen Ideologie in die evangelische Kirche, die eine Vermengung von Theologie, Ideologie und Politik beinhaltete,
– der Wandel der evangelischen Kirche zur zentralistisch geführten „Reichskirche“.

Die evangelisch-lutherische Kirche in Ostfriesland hatte sich dabei mit dem überzeugten Verfechter der DC, Pastor Heinrich Meyer aus Aurich, auseinander zu setzen. Im Laufe des Kirchenkampfes stieg er zu einer der Führungspersonen der Deutschen Christen in der hannoverschen Landeskirche auf, was zu großen Konflikten im ostfriesischen Kirchenkreis und zu zeitweiliger Bedrängnis der Kirche durch die DC führte.

Angefangen hatte Meyer als Leiter der „Niedersächsischen Arbeitsgemeinschaft evangelischer nationalsozialistischer Pfarrer“ im Mai 1931 und übernahm schon in den folgenden Monaten weitere Führungspositionen landesweiter Organisationen der Deutschen Christen, bis er im September 1933 zum „Organisationsleiter der Glaubensbewegung Niedersachsen“ und zum kommissarischen Generalsuperintendenten für Ostfriesland und Osnabrück ernannt wurde. Dieser rasante Aufstieg dürfte vor allem seinen guten Beziehungen zu höheren Parteifunktionären – 1929 war er bereits ehrenamtlicher Gau- und Reichsredner der NSDAP – sowie seinem Eifer für die nationalsozialistische Ideologie geschuldet sein. Meyers äußerst rascher Machtzuwachs verdeutlicht, dass die Deutschen Christen darauf abzielten, mit Hilfe der NSDAP die Gemeinde- und Kirchengremien wie Kirchenvorstand, Kreiskirchentag, Landeskirchentag etc. durch deutsch-christliche Mehrheiten zu unterwandern und unter ihre Kontrolle zu bringen. Um diesem Ziel näher zu rücken, schlugen die Deutschen Christen die Einsetzung des Wehrkreispfarrers Ludwig Müller als zukünftigem Reichsbischof vor, den Hitler vorab zum Bevollmächtigten für Angelegenheiten der evangelischen Kirchen ernannt hatte.

Über die Personalie des Reichsbischofs entstand im Mai 1933 der erste große Streit zwischen den Deutschen Christen und den bekenntnistreuen Pfarrern, da mit dieser Entscheidung zum ersten Mal die Eigenständigkeit und das Bekenntnis der lutherischen Kirchen bedroht waren. Die „Jungreformatorische Bewegung“ um Martin Niemöller stellte als erste innerkirchliche Oppositionsbewegung gegen die Kirchenpolitik der Deutschen Christen Friedrich von Bodelschwingh als Kandidaten gegen die Gleichschaltung der Kirche auf. Als Reaktion auf die Vorstöße der Deutschen Christen wurde auf landeskirchlicher Ebene im Juni 1933 die aus der Jungreformatorischen Bewegung hervorgehende landeskirchliche Sammlung „Evangelium und Kirche“ in Hannover gegründet. Eine Mitgliederliste der Vereinigung vom September enthält Namen von 9 der insgesamt 91 ostfriesischen Pastoren.

Weiteren Einfluss gewannen die Deutschen Christen zunächst durch die Besetzung der Landeskirchen in Preußen mit einem nationalsozialistischen Staatskommissar sowie gleichgesinnten Unterkommissaren für die einzelnen Landeskirchen im Juni 1933. Das Reichskabinett beschloss außerdem, dass die Kirchenvorstandswahlen vorgezogen und damit bereits am 23. Juli durchgeführt wurden, was den Kirchengemeinden absichtlich keinerlei Zeit zur Vorbereitung gegen das Eindringen der Deutschen Christen in die Kirchenvorstände ließ. Zusammen mit den Parteiformationen der NSDAP bereiteten die Deutschen Christen in den einzelnen Gemeinden in Ostfriesland mit großem Aktionismus und massiver Propaganda die Kirchenvorstandswahlen vor. Da diese bisher nie im Stile eines Wahlkampfes geführt worden waren und Kirchengemeinden keine vergleichbare Erfahrung vorzuweisen hatten, erzielten die Deutschen Christen ein überwältigendes Wahlergebnis und erlangten in den meisten Gemeinden Ostfrieslands – wie insgesamt in der Landeskirche – die Mehrheit in den Kirchenvorständen.

Auf dem Landeskirchentag am 28. August 1933 hatte diese innerkirchliche Opposition auf das von Deutschen Christen geleitete Gremium jedoch zunächst keinen Einfluss. Als Resultat der Kirchenvorstandswahlen bestand der Landeskirchentag zum überwiegenden Teil aus Deutschen Christen, die nun die Verfassung ändern und den Kirchensenat sowie den Landeskirchenausschuss mit Gleichgesinnten besetzen und für ihre Zwecke vereinnahmen konnten. Demnach wurden aus Ostfriesland ausschließlich Deutsche Christen in den Landeskirchentag beordert mit Ausnahme von Superintendent Theodor Elster aus Riepe, welcher der oppositionellen Formation „Evangelium und Kirche“ angehörte. Auf ostfriesischer Ebene tat sich im September die „Vereinigung kirchlich gesinnter Pfarrer“ zusammen, der sich anfangs 41 der rund 90 Pastoren in Ostfriesland anschlossen und die als Ursprung einer ostfriesischen Formation der Landeskirchlichen Sammlung einzuordnen ist. Die ostfriesischen Pastoren der innerkirchlichen Oppositionsbewegung unterschrieben jegliche Schreiben fortan grundsätzlich mit der Bezeichnung „Pastoren der Landeskirchlichen Sammlung“ oder „L.S.“. Den Deutschen Christen gehörten in der Anfangsphase im Frühjahr 1933 mindestens 12 Pastoren an.

Es ist festzuhalten, dass die Bevölkerung in Ostfriesland den neuen Machthabern und den DC in der Anfangszeit „gewisse positive Erwartungen“ entgegen brachte. Gegenüber dem kämpferischen Machtstreben der Deutschen Christen zeichnete sich zunächst eine beobachtende und passive Haltung ab. Allerdings konnten die Deutschen Christen die Mehrheit der ostfriesischen Pastoren keineswegs restlos von sich überzeugen, was sich an den wenigen Mitgliedern an Pastoren in der deutsch-christlichen Glaubensbewegung zeigt. Von organisiertem Widerstand oder innerkirchlicher Opposition kann in den ersten Monaten nach Hitlers Machtübernahme dennoch keine Rede sein. Lediglich von Einzelpersonen gingen kritische Töne und Taten aus, die darum umso mehr hervorzuheben sind. So weigerte sich der Pastor der Lamberti-Gemeinde Johannes Friedrich aus Aurich, die Glocken für den Sieg der Nationalsozialisten nach der Machtübernahme zu läuten, was aber schließlich durch den Einsatz der Sturmabteilung doch noch erzwungen wurde. Pastor Schmädeke aus Norden äußerte sich auf einem Pastorenkonvent im März kritisch zu den Deutschen Christen und dem neuen Staat.

Der „erste Führerlehrgang“ in Aurich im Oktober 1933 markierte allerdings schon den Höhepunkt in der noch jungen Geschichte der Deutschen Christen in Ostfriesland, da es das letzte Mal war, dass einer deutsch-christlichen Veranstaltung die Aufmerksamkeit vieler höherer Parteifunktionäre galt. Mit der Berliner Sportpalastkundgebung während der Generalmitgliederversammlung der Deutschen Christen im November sorgten die Deutschen Christen für einen Skandal, von dem sich die Bewegung nicht mehr erholte. Unter anderem forderten sie die Versetzung oder Amtsenthebung aller Pfarrer, die der völkischen Umwälzung des Christentums kritisch gegenüber standen, eine Durchsetzung des Arier-Paragraphen sowie die Ablehnung des Alten Testaments und seiner „jüdischen Lohnmoral“. Der Druck der ostfriesischen Pastoren auf Meyer, sich von der vorgetragenen „Berliner Entschließung“ zu distanzieren, war immens. Zunächst versuchten die ostfriesischen Pastoren der Landeskirchlichen Sammlung in versöhnlichem Ton, Meyer von dem Irrweg der Deutschen Christen zu überzeugen und forderten seine Loslösung von der Bewegung. Weil er nicht öffentlich zu den Berliner Thesen Stellung bezog, geschweige von diesen abrückte, häuften sich die Beschwerden gegen ihn. Daraufhin wurde dem Kirchensenat erklärt, dass die Befürchtungen, Meyer sei für das Amt des Generalsuperintendenten nicht geeignet, sich in einem nicht zu übertreffenden Maße bestätigt hätten; die Pastoren der LS forderten seine Suspendierung.

Nachdem Meyer nicht auf die Beschwerden reagierte, sondern sein Kampf für die Deutschen Christen noch radikaler wurde, und er die Pastoren, die sich seiner Glaubensbewegung nicht anschlossen, öffentlich als Reaktionäre denunzierte, wurde im Dezember ein deutliches Schreiben im Namen von 51 ostfriesischen Pastoren an Meyer verfasst. In diesem forderten sie Meyers Loslösung von der Berliner Reichsleitung der Deutschen Christen samt kompletter Auflösung ihres lokalen Sitzes in Ostfriesland, die Rückkehr zur evangelisch-lutherischen Kirche und die Zurücknahme der Beleidigungen. Ein weiteres Protestschreiben gegen Meyer wurde von rund 40 Pastoren an den Präsidenten des Landeskirchenamtes geschickt sowie ein Brief an den Landesbischof Marahrens.

Um weitere Angriffe gegen seine Person und seine Kirchenpolitik vorerst abzuwenden, trennte sich der hannoversche Teil der Deutschen Christen am 20. Dezember 1933 von der Reichsleitung in Berlin, woran Meyer widerwillig beteiligt gewesen sein dürfte, um das Vertrauen der Gemeindeglieder nicht völlig zu verlieren. Denn angesichts der Thesen der Sportpalastkundgebung, die auf die Kirchenmitglieder abschreckend wirkten, und zum anderen Verwirrung und Unruhe in die Bewegung der Deutschen Christen brachten, begann die Mitgliederzahl der Deutschen Christen im Kirchenkreis Aurich, die Ende November noch bis auf über 1000 Mitglieder angewachsen war, fortwährend zu sinken. Einige Pastoren gaben ihren Austritt auch öffentlich im Anzeigeblatt bekannt. Im Januar 1934 wurden erneut mehrere Protestschreiben an den Landesbischof versandt, u.a. von den Kirchenvorständen Norden und Aurich, um Meyer als kommissarischen Generalsuperintendenten abzusetzen. Pastor Friedrich und Superintendent Schaaf hatten schon im Dezember 1933 und wieder im Januar 1934 diesbezüglich Gespräche mit Landesbischof Marahrens geführt, die wie die Protestschreiben allerdings nicht von Erfolg gekrönt waren. In der Folgezeit gab es seitens der Deutschen Christen weitere agitatorische Versammlungen, um den entstandenen Schaden wiedergutzumachen und weiterhin entschlossen für die eigene Sache zu werben.

Die Landeskirchliche Sammlung reagierte ebenfalls mit Veranstaltungen, Vorträgen und Flugblatt-Aktionen, um über kirchenpolitische Fragen aufzuklären und sich gegen die stetigen öffentlichen Anschuldigungen, reaktionär zu sein, zur Wehr zu setzen. Dabei versuchten die DC die Veranstaltungen der Landeskirchlichen Sammlung bisweilen zu behindern oder durch Störaktionen zu sprengen. In einem Fall reiste der Landesbischof Marahrens zur Untersuchung nach Aurich, was für Meyer jedoch ohne Konsequenzen blieb.

Im April 1934 vereinbarten die Gauobleute der Deutschen Christen zwei Treffen mit Ministerialdirektor August Jäger in Berlin zur Vorbereitung der Eingliederung der hannoverschen Landeskirche in die Reichskirche. Obwohl Marahrens seine bereits gesetzte Unterschrift wieder zurückzog, konnte der Kirchensenat am 15. Mai durch seine deutsch-christliche Mehrheit und die Unterschrift des Vizepräsidenten Richter den Eingliederungsbeschluss durchsetzen. Als Protest gegen diese Eingliederung der hannoverschen Landeskirche in die Reichskirche rief die Landeskirchliche Sammlung am 16. Mai 1934 zur Gründung der „Bekenntnisgemeinschaft der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers“ auf, worüber sämtliche Pastoren und Gemeinden in Ostfriesland durch Verteilung eines Flugblattes informiert und gleichsam zum Beitritt zur Bekenntnisgemeinschaft aufgefordert wurden. Nur wenige Tage später, am 19. Mai 1934, zählte die Bekenntnisgemeinschaft in Ostfriesland bereits über 9000 Gemeindeglieder und als Reaktion auf diesen großen Zuspruch begann sie am 27. Mai 1934 mit den ersten „Bekenntnisgottesdiensten“. Landesbischof Marahrens, der sich kritisch zu den Eingliederungsbestrebungen in die Reichskirche geäußert und die Unterschrift dafür verweigert hatte, bekam am 11. August von Ministerialdirektor Jäger die Nachricht, dass er von allen seinen Vollmachten entbunden sei. Dies veranlasste ihn, allen Pastoren der Landeskirche in einem Rundschreiben vom 24. August die Vertrauensfrage zu stellen. Zur Ernüchterung der Deutschen Christen wurde er mit der großen Mehrheit von 80 Prozent an Ja-Stimmen in seinem Amt als Landesbischof bestätigt. In Ostfriesland lag der Anteil der Pastoren, die Marahrens nicht das Vertrauen aussprachen, allerdings mit 15 Prozent über dem Durchschnitt, denn auf landeskirchlicher Ebene votierten insgesamt nur 7 Prozent mit. Die Prozentzahlen zeigen, dass es in Ostfriesland eine intensivere Auseinandersetzung als im landeskirchlichen Durchschnitt zwischen der Bekennenden Kirche und den Deutschen Christen gab, die daher harte Fronten auf beiden Seiten ausgebildet hatte.

Von allen Machtbestrebungen in der Landeskirche mussten sich die Deutschen Christen endgültig verabschieden, nachdem am 26. Oktober 1934 Ministerialdirektor Jäger aufgrund von Forderungen der Ökumene aus allen kirchlichen und staatlichen Ämtern entlassen worden war und die Landesbischöfe Marahrens, Meiser und Wurm kurz darauf am 30. Oktober durch Hitler öffentlich rehabilitiert wurden. An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, welchen Einfluss die Ökumene, wenn sie denn einig war, auf die Politik ausüben konnte. In der Folgezeit gerieten die Deutschen Christen immer mehr ins Abseits: Der bereits aufgekündigten Unterstützung seitens der NSDAP nach den Siegen der Deutschen Christen bei den Kirchenwahlen 1933 folgte nun dieser wichtige symbolische Akt Hitlers, der durch seine öffentliche Rehabilitierung der o.g. Landesbischöfe die Position der Landeskirche stärkte und sein Desinteresse an den Deutschen Christen öffentlich demonstrierte. Hitlers Inszenierung gab der Zukunft der Landeskirche eine entscheidende Richtung. Durch die Absetzung Jägers und der Bestärkung der altgedienten staatstragenden evangelischen Kirche, signalisierte er seine Ablehnung gegenüber den Deutschen Christen. Marahrens Machtbestätigung durch Hitler wirkte sich offensichtlich auf seine zukünftige kirchenpolitische Ausrichtung aus, wie im Folgenden zu erkennen ist: Im November 1934 ließ Marahrens sämtliche Gremien auflösen und mit neuen bekenntnistreuen Mitarbeitern besetzen. Mit der Zeit konnte die Ordnung in der Landeskirche allmählich wiederhergestellt werden. Eine gemeindedienliche Arbeit war möglich denn viele Posten in den Gremien waren zuvor durch die Deutschen Christen mit Parteigenossen besetzt worden, die kein Interesse an der Kirche hatten, sondern lediglich zum Machtzuwachs der Deutschen Christen beitragen wollten und zum Erhalt der Gemeinden wenig beisteuerten.

Den endgültigen Bruch mit der hannoverschen Landeskirche vollzogen die Deutschen Christen in Ostfriesland mit der Gründung eigener Gemeinden in Aurich, Norden und Leer im August 1936, woraufhin gegen Meyer ein Dienststrafverfahren eingeleitet wurde, was zu seiner Amtsenthebung in der evangelisch-lutherischen Landeskirche führte. Obwohl die landeskirchliche Ordnung wiederhergestellt und sämtliche Befugnisse auf bekenntnistreue Pfarrer übertragen waren, gab es mit den Deutschen Christen noch weitere Auseinandersetzungen, beispielsweise um das Glockengeläut bei Beerdigungen und bei der Kirchennutzung. Das Landeskirchenamt hatte nämlich Glockengeläut bei Beerdigungen verboten, die von Meyer durchgeführt wurden. Doch seit 1937 erzwang die Gestapo, die Glocken gegen den Willen der Kirchenvorstände läuten zu lassen.

Trotz Gründung eigener Gemeinden traten die DC nicht aus der Landeskirche aus, um sich die Nutzung der Kirchen nicht vollständig zu verbauen. 1935 – 1938 wiesen die Kirchenvorstände in Aurich und Norden die Anfragen der deutsch-christlichen Gemeinden nach Kirchennutzung ab. Seit 1939 verschaffte die Finanzabteilung der Landeskirche, die von Cölle, einem Anhänger der Deutschen Christen, geleitet wurde, den deutsch-christliche Gemeinden bei Konfirmationsfeiern Zugang zu den Kirchen in Aurich, Norden, Wiegboldsbur, Collinghorst und Ardorf. Bisher mussten sie auf Gymnasien sowie örtliche Dorfschulen ausweichen. Auf Protest der betroffenen Kirchengemeinden reagierte Cölle mit der Drohung, die Beschlüsse der Finanzabteilung notfalls durch staatliche Gewalt geltend zu machen. Letztendlich konnten die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen die Deutschen Christen jedoch nicht mehr retten. Seit der aufgekündigten Unterstützung von Seiten der NSDAP und Hitlers demonstrierter Ablehnung der Deutschen Christen, kehrte sich ihr bis dahin rasanter Aufstieg ins Gegenteil um: Die Bewegung verlor fortwährend Mitglieder sowie Glaubwürdigkeit und musste im Zuge der Auflösung ihrer deutsch-christlichen Gremien Kraft des „Celler Urteils“ 1935 ihre Ambitionen begraben, die Landeskirche als Teil der unierten Reichskirche zu vereinnahmen. Ab 1936 schrumpfte ihre Mitgliederzahl durch die Radikalisierung ihrer völkisch-religiösen Theologie und ihre Selbstausgliederung aus der Landeskirche auf eine kleine Gruppierung zusammen: Nur noch acht deutsch-christliche Pastoren unterhielten seit 1937 jeweils eine Pfarrstelle in Ostfriesland.
Für den Sprengel Ostfriesland ist zu konstatieren, dass der Konflikt zwischen den Deutschen Christen und der Bekennenden Kirche einen intensiven Charakter besaß. Angesichts der radikalen Absicht Meyers, eine deutsch-christliche Glaubensbewegung in Ostfriesland zu etablieren, musste sich eine ebenso überzeugte Opposition formieren, um die Selbstständigkeit der evangelisch-lutherischen Gemeinden Ostfrieslands und letztendlich der Landeskirche zu bewahren. Dabei gestaltete sich der Anteil der bekenntnistreuen Pastoren der Landeskirchlichen Sammlung an der Basis wesentlich größer, jedoch verfügten die Deutschen Christen durch Führungspositionen in den leitenden Gremien und ihrer episodischen Unterstützung von der NSDAP über den kräftigeren Einfluss. Marahrens anfangs unentschlossene Führung und sein inkonsequenter Umgang mit Meyers Fehlverhalten gegenüber der Landeskirche zogen die Auseinandersetzungen in die Länge.

In erster Linie handelt es sich bei dem Kirchenkampf um eine innerkirchliche Auseinandersetzung. Die Oppositionsbewegung der Bekennenden Kirche in Ostfriesland unter dem Namen der Landeskirchlichen Sammlung war keinesfalls eine politisch oder ideologisch begründete Gegenbewegung zum Nationalsozialismus. Die grundlegende Kritik von der Landeskirchlichen Sammlung an die Deutschen Christen lautete: Verrat am Evangelium, Abwertung des Alten Testaments, Propagierung einer völkischen Religion mit heidnischen Inhalten und Aufgabe des lutherischen Bekenntnisses sowie der Selbstständigkeit der Landeskirche. Dennoch forderten die eng mit dem Nationalsozialismus verflochtenen Deutschen Christen die Landeskirchliche Sammlung durch politische Angriffe – insbesondere den Vorwurf, reaktionär zu sein – zur Erklärung ihrer politischen Einstellung heraus. Dabei wurden von Seiten der Landeskirchlichen Sammlung der neue NS-Staat sowie der Führerkult weitestgehend nicht angezweifelt, sondern vielmehr bejaht, um nicht als Reaktionsbewegung diffamiert zu werden und die Aussicht auf eine weiterhin tragende Rolle im neuen Staat nicht preiszugeben. Lediglich einige wenige Pastoren sträubten sich durch Taten und kritische Äußerungen vor der Konformität. Neben Friedrichs Verweigerung des Glockengeläuts und Schmädekes Kritik an den Deutschen Christen und dem NS-Staat übte Friedrich in seiner Sonntagsbetrachtung in den Ostfriesischen Nachrichten vom Mai 1934 Kritik am Führerkult: Für Christen sei „die bedingungslose Unterstellung unter einen Menschen in keinem Falle möglich“, allein Jesus Christus dürften Christen bedingungslos folgen. Im September 1934 wurde Friedrich aufgrund einer Predigt, in der er am Tag der Einführung Ludwig Müllers zum Reichsbischof von der wahren Einheit der christlichen Kirche sprach, für einige Wochen von Meyer beurlaubt, da seine Predigt Kritik an dieser Eingliederung enthielt. 1938 wurden Friedrich und seine Ehefrau von der Gestapo abgeführt, weil sie sich nicht an der Reichstagswahl beteiligen wollten. Friedrich musste für 16 Tage ins Gefängnis. Da er unter Hetzrufen – „Judenknecht, Judas, Volksverräter“ – regelrecht vertrieben wurde, konnte er bis Kriegsende nicht mehr nach Aurich zurückkehren. Auch Pastor Aden aus Völlen wurde für „seine ablehnende Haltung gegen den totalen Staat“ ebenfalls für zwei Wochen inhaftiert, konnte aber anschließend seine Arbeit am selben Ort wieder aufnehmen. Gegen die antisemitischen Parolen Meyers – „Für Juden ist kein Platz in Deutschland!“ – oder die antijudaistischen Entgleisungen der Sportpalastkundgebung („jüdische Lohnmoral“) bezog jedoch kein Pastor in Ostfriesland öffentlich Stellung.

2.2 Die Situation in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Engerhafe

2.2.1 Die Auseinandersetzungen mit den Deutschen Christen

Die von der NSDAP und den Deutschen Christen propagandistisch vorbereitete und erfolgreich durchgeführte Kirchenvorstandswahl im Juli 1933 konnte in der kleinen Kirchengemeinde Engerhafe nicht den Durchbruch für die Deutschen Christen erzielen. Von den fünf Vorsitzenden des Kirchenvorstands zählte nur Landwirt Gerke Doden zu den Deutschen Christen. Die übrigen Kirchenvorsteher Pastor Cornelius Schomerus sowie die Landwirte Meint Klugkist, Behrend Wilts und Gerd Hicken waren vor der Wahl bereits Kirchenvorsteher gewesen und wurden nicht, wie in den meisten Gemeinden in Ostfriesland, durch Deutsche Christen ersetzt, ebenso wenig liefen die etablierten Vorsteher anschließend zu den Deutschen Christen über. Dies könnte angesichts der Tatsache, dass 45 % der Dorfbevölkerung, das heißt 362 von 804 Personen, ihre Stimme den Nationalsozialisten gegeben hatten und die Kirchenvorstandswahl agitatorisch vorbereitet war, nicht gerade üblich gewesen sein, wurden doch die meisten Kirchenvorstände in Ostfriesland in der Anfangszeit des NS-Staates von DC unterwandert. Vermutlich fand ein größerer Umbruch im Kirchenvorstand von Engerhafe deshalb nicht statt, weil es an Nationalsozialisten als Kandidaten für die Deutschen Christen fehlte und das Vertrauen der Engerhafer Gemeindemitglieder in die altbewährten Kirchenvorsteher groß war.

Allerdings bahnte sich eine öffentliche Zusammenarbeit zwischen Kirche und NSDAP während der Vorbereitung des Luthertages im November 1933 in Engerhafe an. Die Veranstaltung wurde im Rahmen einer Kirchenvorstandssitzung gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Deutschen Christen und Oldeborger Lehrer Ecke Tammen, dem Vorsitzenden der NSDAP-Ortsgruppe Upende Tamme Heinken und dem Engerhafer Lehrer Heinrich Neumann geplant. Laut Kirchenvorstandsprotoll vom 13. Oktober 1933 organisierten die Anwesenden einen Gemeindegottesdienst am 10. November um 10 Uhr, zu dem alle Glieder des Gaues, „ins. bes. die Angehörigen der NS Organisationen“ einzuladen seien und in dem die Schulklassen mitwirken sollten. Weiter heißt es in dem Protokoll: „Eine Aussprache über allgemeine kirchliche Fragen auf allen Seiten ergab die Bereitwilligkeit zur verständnisvollen Zusammenarbeit.“ Die Einbindung politischer und schulischer Vertreter in die Organisation des Luthertages legt nahe, dass der eigentlich kirchlichen Veranstaltung eine große gesellschaftliche und politische Bedeutung zugedacht wurde. Durch die Einladung des Ortsgruppenleiters zeigt sich die Engerhafer Kirchengemeinde der NSDAP gegenüber als wohlwollend, indem sie deren Vorstellungen bei der Planung des Luthertages berücksichtigt und gleichzeitig als selbstbewusst, indem sie mit der Einbeziehung der Schulklassen zugleich signalisierte, dass die Engerhafer Kirchengemeinde ihren gewohnten Platz als fester Bestandteil in der Mitte der Dorfgemeinschaft im neuen Herrschaftsregime weiterhin ausfüllen will. Zu dieser Zeit kann nicht von Konflikten, geschweige denn von einem „Kirchenkampf“ zwischen den Deutschen Christen und der Engerhafer Kirchengemeinde gesprochen werden. Der Protokollbucheintrag zeugt von einem respektvollen Umgang miteinander und dem Wunsch, sowohl die politischen als auch die Interessen der Glaubensbewegung in Betracht zu ziehen. Es ist anzunehmen, dass die Glaubensbewegung der Deutschen Christen auch für Pastor Schomerus, der – 1898 geboren – damals noch zu den jüngeren Pastoren zählte, zunächst eine faszinierende Anziehungskraft besaß, da sich der Ausgangspunkt beider Lager – Deutscher Christen und bekenntnistreue Pastoren – , während der nationalen Aufbruchsstimmung der kirchlichen Gemeinschaft zu neuer Lebendigkeit zu verhelfen, nicht sehr voneinander unterschied. Eine von Schomerus unterschriebene Erklärung, die auch in anderen Pfarrarchiven vorhanden ist, in der die Positionen unter den Punkten „I. Warum ich gerne Deutscher Christ werden möchte“ und „II. Warum ich trotzdem kein Deutscher Christ geworden bin“ behandelt werden, stellt eine vorhandene Affinität heraus. Was unter Punkt I. als Begründung dieser Gemeinsamkeit zu lesen ist, dass die Deutschen Christen mit ganzem Ernst die Gewinnung des Volks für die Kirche anstreben, war auch für die Evangelisch-lutherische Kirche in Ostfriesland insgesamt erstrebenswertes und die Entschlossenheit, mit der die Deutschen Christen dabei zu Werke gingen, konnte viele Pastoren beeindrucken.

Spätestens die Berliner Sportpalastkundgebung im November 1933 stellte für das Verhältnis zwischen der Engerhafer Kirchengemeinde und den Deutschen Christen eine erste schwere Belastung dar. Auf die Berichterstattungen der Zeitungen reagierte Schomerus sogleich mit einem Brief an den ostfriesischen Leiter der Deutschen Christen Meyer, mit dem er am selben Tag bereits eine Besprechung in Georgsheil hatte. In dem Brief fordert Schomerus Meyer auf, dass er sich in einer öffentlichen Stellungnahme zum Programm Generalmitgliederversammlung der Deutschen Christen erkläre und sich von der Berliner Führung löse. Schomerus bewertet die Inhalte der Versammlung als „Verrat an dem Evangelium und der Kirche“, von denen Meyer abrücken müsse, und macht ihn darauf aufmerksam, dass Meyer das Programm nicht billigen könne, „bei der Einstellung zu dem Bekenntnis, der [er] […] so deutlich Ausdruck gegeben“ habe. Offensichtlich ging es bei der Besprechung bereits um Meyers Positionierung zum lutherischen Bekenntnis, dem Meyer anfangs noch einen zu respektierenden Wert beimaß. Schomerus dankt Meyer für das „heutige Gesagte“ und bekräftigt den gemeinsamen Wunsch zum Frieden und zur Zusammenarbeit, die jedoch an Meyers Bereitschaft zur Abgrenzung gegenüber der deutsch-christlichen Reichsleitung gebunden sei. Der Brief zeigt, dass es in dieser Phase noch zu keinem unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Meyer und Schomerus gekommen ist. Dennoch dürfte Schomerus als Beauftragter für Pressefragen des Kirchenkreises Aurich und angesichts seiner bewussten Haltung zu den Ereignissen in Berlin ein frühes Mitglied der Landeskirchlichen Sammlung gewesen sein: So unterzeichnete er in den Tagen und Wochen nach der Sportpalastkundgebung die Protestschreiben der Landeskirchlichen Sammlung.

Erst nach Meyers ausbleibender Stellungnahme zur Berliner Entschließung, seinen fortgesetzten Angriffen gegen Pastoren der Landeskirchlichen Sammlung und seinem radikalen Eintreten für die Deutschen Christen und den Nationalsozialismus kühlte die Beziehung zwischen Schomerus und Meyer stark ab.

Mit Dunkmann, dem Hauptredakteur der Ostfriesischen Nachrichten, stand Schomerus in Kontakt, um Auseinandersetzungen zwischen dem Pfarrernotbund und den Deutschen Christen veröffentlichen zu lassen und so der einseitigen Berichterstattung durch die Ostfriesischen Zeitungen infolge der ständigen propagandistischen Meldungen von Seiten Meyers und der Deutschen Christen entgegen zu wirken. Dies geht aus einem Brief an Landesbischof Marahrens hervor, den Schomerus über „die ganze Schwere unserer Lage“ informieren will, indem er zu dem Bericht vom Münkeboer Pastor Enno Janßen über den abgehaltenen Schulungsabend der NSDAP am 20. Dezember 1933 in Moorhusen, einer Nachbargemeinde zu Engerhafe, noch einige Ereignisse anmerkt und dem Schreiben einen Briefwechsel mit dem NSDAP-Ortsgruppenleiter in Upende Tamme Heinken beifügt, der den Kampf der Deutschen Christen für die Durchsetzung der Bewegung und die kirchenpolitische Haltung der NSDAP thematisiert. Darin konfrontiert Schomerus den Ortsgruppenleiter zunächst mit dem Umstand, auf dem Schulungsabend „sehr scharf angegriffen worden“ zu sein, da er Flugblätter gegen die Deutschen Christen verteilt habe. Schomerus halte es für seine Pflicht, dort über die kirchenpolitischen Auseinandersetzungen aufzuklären, wo sich die Gelegenheit biete, weil die Presse nicht von einem Auseinanderbrechen der Glaubensbewegung und einer reichsweiten Auseinandersetzung der Evangelischen Kirche mit den Deutschen Christen berichten dürfe. Darüber hinaus würden die Deutschen Christen die gegenwärtige Entwicklung verkennen und weiterhin in seiner Gemeinde um neue Mitglieder werben, so dass Schomerus die DC mittlerweile als bedrohlich für die kirchliche Gemeinschaft einstuft: „Ich sehe in der Glaubensbewegung eine ernste Gefahr für unsere Kirche.“ Resultierend aus dem Vorfall auf dem Schulungsabend kündigte Lehrer Tammen die Leitung der Singstunden für die Weihnachtsgottesdienste, da ihm als DC durch Schomerus‘ Verbreitung des Flugblattes jegliches Interesse an einer Arbeit für die Engerhafer Kirche genommen worden sei.

Vor dem Hintergrund der bisherigen Verbindung zwischen NSDAP und den Deutschen Christen, welche auf dem Schulungsabend durch die Redebeiträge von Heinrich Held, deutsch-christlicher Kreisschulungsleiter, Pastor Müller (Großefehn) und Lehrer Tammen, beide Anhänger der Deutschen Christen, ersichtlich wurde, wies Schomerus NSDAP-Ortsgruppenleiter Heinken darauf hin, dass Hitler die Partei angewiesen habe in innerkirchlichen Auseinandersetzungen nicht einzugreifen. Damit will Schomerus klar stellen, dass sein Engagement gegen die Deutschen Christen nicht als reaktionärer Aktionismus missverstanden werden soll:
„Mit irgendwelchen Gegensätzlichkeiten gegen den Staat Adolf Hitlers hat das gar nichts zu tun. Es ist mir eine Selbstverständlichkeit, dass ich [mich] auf den Boden des neuen Staats stelle und dem Kanzler und dem Deutschen Reich unbedingte Treue halte.“

Schomerus Anliegen ist, dass Heinkens zukünftig berücksichtigen möge, kirchliche Fragen nicht unter politischen Gesichtspunkten zu beurteilen. In Heinkens Antwortschreiben ist zu lesen, dass die Deutschen Christen und Parteigenossen, auch diejenigen, die nicht der Glaubensbewegung angehörten, über die Flugblattverteilung von Schomerus derart verärgert gewesen seien, dass sie Heinken wissen ließen, von nun an den Engerhafer Gottesdiensten fern zu bleiben. Außerdem teile Heinken Schomerus‘ Meinung nicht, die Glaubensbewegung sei dabei auseinander zu brechen, da die Engerhafer Gemeindegruppe eine Mitgliedschaft von mittlerweile über 40 Anhängern vorzuweisen habe. Diese Entwicklung zeigt, dass die Auseinandersetzungen mit den Deutschen Christen sowie der NSDAP auch nach Hitlers „Machtwort“, sich in innerkirchliche Angelegenheiten nicht einzumischen, keineswegs beendet waren. Als Ortsgruppenleiter war Heinken über diese Anweisung informiert. Da er den Deutschen Christen angehörte, fühlte er sich Meyer dennoch weiterhin verbunden, den er als einen Kämpfer der kirchlichen wie auch der nationalsozialistischen Interessen kennengelernt habe. Demnach scheint in Engerhafe die Verbindung zwischen NSDAP und Deutsche Christen sehr eng gewesen zu sein. Interessant ist, dass Schomerus sich auf Hitler beruft, um seine bekenntnistreue Position zu wahren. Seine Erklärung zur Staatstreue und Hitlers Enthaltung zum kirchenpolitischen Streit diente der Legitimation seiner bekenntnistreuen Einstellung, welches letztlich die Abwehr der Deutschen Christen bekräftigte.

Dennoch taten die Vorkommnisse der letzten zwei Monate der Siegesgewissheit der Deutschen Christen keinen Abbruch, welche Meyer durch stetiger Herausgabe neuer Mitteilungsblätter, Anzeigen in den Tageszeitungen und häufigen Abhaltungen von Versammlungen um das Werben neuer Mitglieder demonstrierte. Landesbischof Marahrens‘ Versäumnis, der hannoverschen Landeskirche frühzeitig eine klare kirchliche Linie vorzugeben, leistete der Agitation Meyers weiteren Vorschub. Nachdem viele Protestschreiben der Landeskirchlichen Sammlung ungehört blieben, waren die ostfriesischen Pastoren über die unentschlossene Haltung des Landesbischofs enttäuscht.

Diese Enttäuschung ist auch Schomerus in einem persönlichen Brief an Marahrens am 18. April 1934 anzumerken, der vermutlich mit einem bedrohlichen Vorfall zwischen Meyer und den Pastoren der LS während eines Vortrages in Aurich zusammenhängt:
„Ich und meine Amtsbrüder, die zu unserm Kreis gehören, […] stehen unter dem immer mehr sich verstärkenden Eindruck des furchtbaren Ernstes der kirchlichen Lage. […] Auf Ihnen, Herr Landesbischof, ruht die Verantwortung für unsere Hannoversche Landeskirche. Sie werden wissen, dass wir seit Langem warten auf entschlossene Führung Ihrerseits. […] Ich kann aber diese Gelegenheit, wie ich Ihnen zu schreiben habe, nicht vorbeigehen lassen, ohne die flehentliche und dringende Bitte auszusprechen, Euer Hochwürden möchte mit rücksichtsloser und unbedingter Entschiedenheit auf den rein kirchlichen Weg zurückführen. Wenn darüber wirklich unsere Kirche auseinanderbrechen sollte, dann muss auch die Verantwortung dafür übernommen werden.“

Dieses Zitat legt nahe, dass Schomerus sich der Willkür und Übermacht der Deutschen Christen ausgesetzt fühlte, da der Landesbischof bisher nichts Entschiedenes gegen Meyers Aktionen unternommen hatte und der Landeskirchlichen Sammlung der sichere Rückhalt fehlte. Marahrens ließ jegliche Durchsetzungsfähigkeit und klare Positionierung zur kirchenpolitischen Lage vermissen. Des Weiteren beklagt Schomerus, dass die Pastoren der LS nie die Gelegenheit hätten, ihren Standpunkt vor ihren Gemeinden und in der Öffentlichkeit zu vertreten, während die Gegenseite dies bei jeder Gelegenheit tue. Da Schomerus bei fast jedem Hausbesuch auf die kirchenpolitische Situation angesprochen werde, könne er der Gemeinde nicht länger vorenthalten, in welcher Not sich die Kirche befinde. Deshalb habe er etwa 40 kirchliche Männer persönlich zu einer nicht-öffentlichen Versammlung eingeladen, um keinen Streit in der Gemeinde zu provozieren und dieser Gruppe in einem geschützten Rahmen seinen kirchenpolitischen Standpunkt zu erklären. Er wolle darstellen, dass sein Standpunkt keine politisch reaktionären Gedankengänge beinhalte, und erklären, dass für die Kirche das Evangelium die Grundlage zur Beantwortung aller kirchlicher Fragen sein müsse.

Schomerus‘ Ausführungen lassen vermuten, dass die Darlegung seiner kirchenpolitischen Meinung in der Öffentlichkeit mit der Angst verbunden war, als „politisch reaktionär“ diffamiert zu werden. In dem Brief an Heinken sah sich Schomerus diesem Verdacht unterstellt und versicherte, Hitler und dem neuen Staat Treue zu leisten. In dieser Phase reagierten die Pastoren der Landeskirchlichen Sammlung noch behäbig und wurden von den Deutschen Christen durchaus eingeschüchtert. Die bisher erfolgten Angriffe gegen Schomerus wegen der Flugblattverteilung könnten ihn bei der Planung dieser Zusammenkunft eines Männerkreises vorsichtiger gemacht haben. Zudem standen die Pastoren der Landeskirchlichen Sammlung noch relativ alleine da und hatten die Gemeindemitglieder noch nicht in den innerkirchlichen Streit einbezogen.

Als die Pastoren im Mai 1934 von den Verhandlungen über Eingliederungsbestrebungen in die Reichskirche hörten, richtete Schomerus einen weiteren eindringlichen Brief an Marahrens mit dem dringenden Appell, nun endlich mit einer klaren Position gegen die Eingliederung durchzugreifen:
„Sie sind unser Landesbischof, Sie tragen vor den luth. Gemeinde unserer Landeskirche, Sie tragen vor der übrigen luth. Welt des deutschen Vaterl. und des Auslands, Sie tragen vor dem Herrn der Kirche die Verantwortung für den Herrn unserer Landeskirche. Wir warten noch immer auf ein entscheidendes und richtunggebendes Wort uns. Kirchenführers. Wir hören von Verhandlungen zwischen dem Labi und dem Präs. des LKA und dem KM Jäger über eine Eingliederung, aber wir hören nicht ein klares Wort uns. Labi zu dem was uns alle so bis ins Innerste bewegt und nicht zur Ruhe kommen lässt. Euer Hochwürden können sich in dieser Stunde nicht der Verantwortung entziehen. Was ich ew. Hochwürden vor einigen Wochen schrieb, ist auch heute noch meine Meinung. […] Es ist jetzt allerletzte Stunde. Ich weiss nicht, ob ich ein Recht habe, Ihnen so zu schreiben, Ich tue es aus der Not heraus uns aus dem Vertrauen zu meinem Landesbischof, das ich mir nicht nehmen lassen möchte. Wir bitten Sie und flehen Sie an, sprechen Sie das ganz klare und unbedingte Nein, das gesprochen werden muss. […] lassen Sie uns nicht im Stich! Es geht im Augenblick um die Eingliederung, es geht in Wahrheit um unendlich viel grosse und kleine Dinge, die aber alle zusamme unsere luth. Landeskirche Hanvers das Grab graben.“

Die grammatikalischen und orthographischen Flüchtigkeitsfehler sowie die Abkürzungen im Text könnten auf einen schnell verfassten Brief hinweisen, der Marahrens noch rechtzeitig vor dem Eingliederungsbeschluss erreichen sollte. Die eingangs genannte Predigt von Landesbischof Wurm, dessen baden-württembergische Landeskirche sich kurz zuvor erfolgreich gegen die Eingliederung gewehrt hatte, könnte Schomerus den entscheidenden Anstoß zu seinem Aufruf an Marahrens gegeben haben. Bemerkenswert ist die Deutlichkeit, mit der Schomerus die Verantwortung des Landesbischofs herausstellt. Schomerus fleht Marahrens geradezu an, sich gegen die Eingliederung zu wehren. Ausdrücke wie „klares Wort“, „nicht zur Ruhe kommen“, „Not“, „allerletzte Stunde“, „unbedingtes Nein“ und „im Stich lassen“ zeigen die Hilflosigkeit, in der sich Schomerus und auch alle anderen Pastoren der Landeskirchlichen Sammlung befanden, nichts gegen die Eingliederung unternehmen zu können. Ein schriftlicher Appell an den Landesbischof als letzte Instanz, von der Hilfe kommen könnte, schien die einzig verbliebende Möglichkeit zur Abwehr zu sein. Seine Briefe zeugen von Mut und einem beherzten Eintreten für die Ziele der Landeskirchlichen Sammlung und großem Engagement in der Hoffnung, auch alleine als Pastor einer kleinen Gemeinde etwas gegen das vermeintlich Unvermeidbare ausrichten zu können. Man darf meines Erachtens zu Recht die Frage stellen, ob der Brief von Schomerus einen mitentscheidenden Ausschlag für Marahrens Sinneswandel gegeben haben könnte. Schließlich hatte Marahrens den Eingliederungsbeschluss schon unterschrieben, zog aber seine Unterschrift kurz vor der Durchsetzung wieder zurück. Als der Kirchensenat im Mai 1934 den Eingliederungsbeschluss der Landeskirche in die Reichskirche auch ohne die Unterschrift des Landesbischofs vorlegte, war dies für Schomerus ein niederschlagendes Ereignis, das aber nicht unerwartet eintrat. Anfang Mai spekulierte die Landeskirchliche Sammlung schon über einen möglichen Eingliederungsbeschluss durch den Senat.

Einen Tag vor dem Beschluss am 14. Mai hatte Schomerus die Kirchenvorsteher zu einer Sitzung eingeladen, um die aktuelle kirchenpolitische Lage zu besprechen. Der Tagesordnungspunkt lautete: „Unsere lutherische Landeskirche und ihr Bekenntnis ist in Gefahr. Protest gegen die Eingliederung der Landeskirche in die Deutsche Evangelische Kirche.“ Demzufolge führte die Kirchengemeinde Engerhafe eine Unterschriftensammlung gegen die Aufgabe der Selbstständigkeit durch, die am Tag der Sitzung mit einer Anzahl von 457 Unterzeichnungen vorgelegt wurde. Im Kirchenvorstandsprotokoll wird festgehalten, dass dem Superintendenten ein Antrag übermittelt werden solle, der die Begrüßung der Proteststimmen gegen die Übertragung der kirchengemeindlichen Befugnisse in der Landeskirche an die Deutsche Evangelische Kirche um des Bekenntnisses willen beinhalte. Dieser Antrag wurde von den anwesenden Engerhafer und Siegelsumer Kirchenvorstehern einstimmig gebilligt. Allerdings verließ der Deutsche Christ, Doden, die Sitzung, noch bevor diese eröffnet wurde, „weil er sich nicht den Angriffen aussetzen wolle.“ Dabei half es nicht, dass Schomerus ihn auf die Dringlichkeit der Sitzung hinwies. Die einberufene Sitzung zeigt, dass die Kirchengemeinde Engerhafe nicht gewillt war, die bevorstehende Eingliederung in die Landeskirche hinzunehmen. Außerdem illustriert sie die erhebliche Spannung zwischen Schomerus und Doden bzw. dem bekenntnistreuen Teil des Kirchenvorstandes und Deutschen Christen, welche die Zusammenarbeit des Kirchenvorstandes voraussichtlich massiv gestört hätte. Dennoch war Schomerus bemüht, das Gespräch mit Doden zu suchen, indem er ihn zur Sitzung einlud.

Als es angesichts der dennoch erfolgten Eingliederung zur Gründung der „Bekenntnisgemeinschaft“ kam, tat sich bald auch in Engerhafe eine erste gemeindeumfassende innerkirchliche Oppositionsbewegung zusammen. Dies geht aus Mitgliederlisten der Bekenntnisgemeinschaft für die zugehörigen Ortsteile Engerhafe, Oldeborg, Upende, Fehnhusen und Siegelsum hervor. Von insgesamt rund 1200 Gemeindemitgliedern trugen sich 264 in die Listen ein. Diese Zahl repräsentiert einen Fünftel und somit nur einen kleinen Teil der Gemeinde. Jedoch war die durchschnittliche Mitgliederzahl der Bekenntnisgemeinschaften in Ostfriesland von rund 321 Gemeindegliedern nicht unbedingt höher, wenn man die unterschiedlichen Größen der Kirchengemeinden in Betracht zieht. Dabei muss berücksichtigt werden, dass bereits zu dieser Zeit die Kirche nicht mehr den zentralen Treffpunkt der Dorfgemeinschaft darstellte und gemessen an den Besucherzahlen der Hauptgottesdienste die Beteiligung am kirchlichen Leben über die letzten Jahrzehnte eine stark rückläufige Entwicklung nahm: Waren es im Kirchenjahr 1915/16 noch 10205 Besucher insgesamt, sank die Zahl bis 1933/34 auf 7492 Besucher ab. Die Konflikte infolge des Kirchenkampfes sorgten für einen weiteren Rückgang im Jahre 1934/35 auf nun mehr 6555 Besuchern sowie 6115 Besuchern im Jahre 1935/36. Somit musste die Kirchengemeinde innerhalb von zwei Jahrzehnten einen Besucherschwund von nahezu 50 % verkraften.

Auch der Visitationsbericht von 1935 geht von einer schwachen Beteiligung der Gemeindemitglieder am kirchlichen Leben aus, in dem Schomerus bescheinigt wird, noch große Aufgaben vor sich zu haben, die „anstrengstester Arbeit und grosser Zähigkeit bedürfen“, bevor die Gemeinde wieder einem wünschenswerten kirchlichen Leben entspräche. Dennoch stellt die Unterschriftensammlung zur Erhaltung der Selbstständigkeit der Landeskirche mit 457 Unterzeichnungen ein deutliches Interesse der Gemeinde für die bekenntnistreue Ausrichtung der Landeskirche heraus. Trotz der rückläufigen Besucherzahlenentwicklung ist daher von einem entschlossenen Gemeindekern um einen richtungsweisenden Pastor auszugehen, der für die Selbstständigkeit der Landeskirche eintrat und neben den Kirchengemeinden in Detern, Dunum, Loga, Middels, Rhaude und Westeraccum zu den ersten Kirchengemeinden in Ostfriesland zählte, wo Bekenntnisgottesdienste gefeiert wurden. Am 27. Mai feierten Superintendent Elster und Pastor Schütt aus Aurich den Bekenntnisgottesdienst in Engerhafe als Ausdruck des Protests und des gemeinschaftlichen Zusammenhalts gegen die Eingliederungsversuche.

In einem Rundbrief der Landeskirchlichen Sammlung ist ein Bericht von Schomerus abgedruckt, der im Juni 1934 einer Einladung der Deutschen Christen zu einer Veranstaltung in Engerhafe folgte und dort eine Rede vortragen konnte. Er berichtet, dass Pastor Meyer (Esens) und Kreisschulungsleiter Held in der Versammlung zu den Themen Eingliederung, Nationalsozialismus und Christentum gesprochen hätten, worauf Schomerus aber ausdrücklich nicht habe eingehen wollen, um den Anwesenden ausschließlich seinen eigenen kirchenpolitischen Standpunkt vorzutragen. Dies zeigt, dass Schomerus sehr bedacht vorging, in dem er die Erläuterung seiner Sicht vorzog und eine direkte offene Konfrontation vermied. In seiner Aussage „ich war froh, in diesem Kreis Gelegenheit [zur Klärung] gehabt zu haben“ klingt an, dass er vermutlich das erste Mal wieder zur Engerhafer deutsch-christlichen Gemeindegruppe sprach, nachdem im Dezember die Beziehung zu den Nationalsozialisten bzw. Deutschen Christen abgekühlt war, die nach dem Vorfall auf dem Schulungsabend in Moorhusen angekündigt hatten, in Zukunft den Engerhafer Gottesdiensten fern zu bleiben. Zudem lässt sich seine Erleichterung über die Aussprache mit den Deutschen Christen damit begründen, dass diese es den Pastoren der Landeskirchlichen Sammlung bisher nicht ermöglicht hatten, ihren kirchenpolitischen Standpunkt zu erklären, ohne als politische Reaktionäre denunziert zu werden.

Im August 1934 erging die Vertrauensfrage von Marahrens erwartungsgemäß auch an Schomerus, der sich auf die Frage „mit einem ganzen und freudigen Ja“ hinter den Landesbischof stellte, da dieser sich seit der Verweigerung des Eingliederungsbeschlusses auf die Seite der Landeskirchlichen Sammlung gestellt hatte, um die Kirchenpolitik der Deutschen Christen abzuwehren. Schomerus merkt zusätzlich an, dass die Entscheidung die äußere Existenz vielleicht gefährden könne, dass es aber für die Wahrung der Treue gegen das Ordinationsgelübde und gegen den Herrn der Kirche keinen anderen Weg geben könne. In dieser Passage wird nochmals deutlich, dass Schomerus zutiefst entschlossen war, für den kirchlichen Weg der Landeskirchlichen Sammlung zur Erhaltung des lutherischen Bekenntnisses und der Selbstständigkeit der Landeskirche einzutreten und wohl auch jeden Preis – bis hin zur Gefährdung des eigenen Lebens – zu zahlen.

Angeblich hat sich Pastor Schomerus auch ein weiteres Mal mit Heinken, dem Leiter der NSDAP-Ortgruppe in Upende, in Verbindung gesetzt, um die Wogen des kirchenpolitischen Streites zu glätten. Aus einem Antwortschreiben Heinkens vom 18. Januar 1935 geht hervor, dass er gegenseitige Kontakte grundsätzlich nicht ablehnte, solange sie nicht ausdrücklich von der vorgesetzten Parteidienststelle missbilligt würden. Dem Brief von Heinken ging wahrscheinlich eine Einladung von Schomerus zu einer Veranstaltung oder einem speziellen Gottesdienst voraus, über deren Inhalt nichts Weiteres berichtet werden kann. Es scheint, als ob Heinken sich um eine Entscheidung weder für die Deutschen Christen, noch für die Landeskirchliche Sammlung drückt und sich alle Optionen offen halten möchte. Möglicherweise war er mittlerweile auf Schomerus‘ Linie, doch er enthielt sich vorerst, bis neue Anweisungen zur kirchenpolitischen Ausrichtung von oberster Stelle eventuell neue Handlungsspielräume ermöglichen würden. Das Schreiben zeugt zumindest von dem Bemühen, das Gespräch miteinander zu suchen und vergangene Konfrontationen abzubauen.
Abschließend soll noch auf Schomerus‘ Reaktion auf die Beschlagnahme des Ostfriesischen Sonntagsboten im April 1939 hingewiesen werden, der er mit einer Beschwerde beim Reichsverband für evangelische Presse in Berlin begegnete. Er bat den Verband, alles Notwendige dafür zu tun, dass die Beschlagnahme wieder aufgehoben werde, da für den Verdacht einer politisch reaktionären Haltung des Blattes oder seines Herausgebers keinerlei Anzeichen vorläge. Vielmehr habe der Sonntagsbote „an der Prägung des charaktervollen ostfriesischen Luthertums, dem die Treue und Liebe zu Volk und Staat allezeit eine Selbstverständlichkeit ist“, verdienstvoll mitgewirkt und das Verbot sei daher nicht nachzuvollziehen. Der mit völkischen und nationalistischen Phrasen formulierte Brief verfolgte das Ziel durch eine Konfliktstrategie von Anpassung und Konformität gegenüber dem NS-Staat die Zustimmung des Verbandes für eine Aufhebung des Verbots zu gewinnen. Aufgrund Schomerus‘ bisher hervorgetretenen politischen Äußerungen zur Staatstreue ist zu fragen, ob Schomerus sich auch mit deren Inhalten identifizierte. Bislang hatte sich jedenfalls die nach außen praktizierte und öffentlich bekannte Staatstreue und die Berufung auf Hitlers kirchenpolitische Anweisungen zur Abwehr der Deutschen Christen bewährt, um im Innern Handlungsspielräume zu gewinnen.

2.2.2 Die Durchsetzung nationalsozialistischer Rassenideologie durch kirchliche Amtshilfe?

Dass Schomerus sich dem neuen Staat unterstellte, zeigte sich in der Kooperation der Engerhafer Kirchengemeinde mit der Reichsstelle für Sippenforschung (RfS). Es liegen Briefe der Reichsstelle vor, die mehrere Eingänge von Kirchenbüchern bestätigen. Die Kirchenbücher waren neben den Standesregistern die Hauptquelle für den „Ariernachweis“, der zur Bescheinigung der „deutschen Rasse“ und damit zur Wahrung der Reichsbürgerrechte und der beruflichen Position bei sämtlichen Behörden vorgewiesen werden musste. Bei den in Engerhafe eingegangenen Briefen der RfS wird die Kirchengemeinde gebeten, mehrere Register einzusenden, um die Seiten der Kirchenbücher ordnen und von diesen Aufnahmen auf Filmstreifen machen zu können. Da die Reichsstelle auch für die Sicherung von alten Kirchenbüchern zuständig war, ging es in der Korrespondenz, um die Instandsetzung eines älteren Kirchenbuches aus dem 17. Jahrhundert, welches gemeinsam mit anderen Büchern an die RfS gesandt wurde, um einige lose Blätter neu einbinden und einschweißen zu lassen. Spätestens im Jahr 1942 muss die Reichsstelle im vorläufigen Besitz aller Engerhafer Kirchenbücher gewesen sein, nachdem die Hannoversche Landeskirche alle Bände zum Photokopieren bei der Reichsstelle angemeldet hatte. Da die Landeskirche Hannover die erhöhten Dienstleistungsanfragen des Staates nach Kirchenbüchern als Aufwertung ihres eigenen Selbstwertgefühles erlebte, richtete sie zudem eine eigene Sippenkanzlei als zentrale Verwaltungsstelle ein, die gute Kontakte zur RfS entwickelte. Die ostfriesischen Kirchenbücher könnten für das konkrete Interesse des Reichsinnenministers an der Klarstellung der Abstammung der ostfriesischen Juden im 19. Jahrhundert nützlich gewesen sein, welches durch Anfragen der Reichsstelle für Sippenforschung an die Auricher NSDAP-Dienststelle in den Jahren 1937 und 1942 dokumentiert ist. Inwiefern die Auslieferung der Engerhafer Kirchenbücher im Jahre 1942 mit der Anfrage des Reichsinnenministers durch die RfS desselben Jahres zusammenhängt, können nur Vermutungen angeführt werden. Es ist jedenfalls unwahrscheinlich, dass die Kirchengemeinde von dem konkreten Interesse des Reichsinnenministers wusste, da der Auftrag zum Photokopieren von der Landeskirche ausging.

An Anträgen für Kirchenbuchsauszüge ist in Engerhafe nichts zu finden. Dennoch müssen diesbezügliche Anfragen an Schomerus sehr zahlreich gewesen sein. Im Visitationsbericht schildert er, dass die Forschungen in den Kirchenbüchern zum Zweck des Nachweises „arischer“ Abstammung so aufwendig gewesen seien, dass zu gründlicher theologischer Einzelarbeit keine Zeit geblieben sei. Außerdem wurde dem Superintendenten ein Beschluss des Kirchenvorstands zur Erhebung von Gebühren für Kirchenbuchauszüge vorgelegt. Da zeitweilig sogar ein Hilfsarbeiter diese Büroarbeit unterstützen musste, kann von vielen Kirchenbuchauszügen für Bescheinigungen ausgegangen werden. Darüber hinaus stellte das fleißige Beurkunden der „arischen“ Abstammung für Schomerus – und grundsätzlich für die evangelische Kirche – eine Gelegenheit dar, der gegenüber dem NS-Staat verkündeten Zuverlässigkeit und Treue Rechnung zu tragen.

Letztendlich ist nicht zu klären, in welchem Maße die kirchliche Amtshilfe der Engerhafer Kirchengemeinde zur Durchsetzung der nationalsozialistischen Rassenpolitik auch nationalsozialistisch motiviert war. Durch die bereitwillige Auslieferung der Kirchenbücher an Einrichtungen der Sippenforschung und die Bescheinigungen für den „Ariernachweis“ kann zumindest nicht von einer Verweigerung der Amtshilfe gesprochen werden. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass das Pfarrbüro auch denjenigen Gemeindegliedern, die laut Eintragungen der Kirchenbücher nicht „arisch“ waren, die Bescheinigung der „arischen“ Abstammung ausstellte, um ihre Rechte und Arbeitsplätze zu bewahren. Den Quellen nach zu urteilen kann lediglich festgehalten werden, dass die Kirchengemeinde ihre praktizierte Rolle als staatstragende Institution ausfüllte, indem sie den Anfragen des Staates gänzlich nachkam.

2.2.3 Der Konflikt zwischen den Verpflichtungen des Konfirmandenunterrichts und des Hitlerjugenddienstes

Zwischen der Leitung der Hitlerjugend und der Engerhafer Kirchengemeinde gab es, wie auch in anderen Orten Ostfrieslands, Spannungen aufgrund der Wochenenddienste der Jugendlichen in der Hitlerjugend (HJ). Nachdem Konfirmanden Schomerus mitgeteilt hatten, sie würden von der HJ-Dienststelle zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie sonntags beim HJ-Dienst fehlten, wies Schomerus den Auricher Hitlerjugendführer Petersen in einem Schreiben darauf hin, dass es eine Abmachung zwischen der Leitung der Hitlerjugend und der evangelischen Kirche gebe, nach der den Jugendlichen die Beteiligung am kirchlichen Leben nicht erschwert werden dürfe. Schomerus bat Petersen darum, die Jugendlichen auf diese Vereinbarung hinzuweisen, damit sie in keinen Gewissenskonflikt zwischen ihren Pflichten gegenüber der Kirche und der Hitlerjugend kämen. Er müsse um der kirchlichen Ordnung willen die regelmäßige Teilnahme an den Hauptgottesdiensten einfordern und schließt mit der Grußformel „mit deutschen Gruss, Heil Hitler!“ seinen Brief. Auf die ignorante Haltung der HJ-Leitung, die sich trotz der bestehenden Abmachung zwischen Kirche und Hitlerjugend über die kirchliche Ordnung für den Konfirmandenunterricht hinwegsetzt, reagiert Schomerus mit einem kameradschaftlichen und diplomatischen Schreibstil, obwohl er vermutlich über die Nöte und Belastungen seiner Konfirmanden empört war. Er begründet seine Forderungen mit dem Verweis auf die kirchliche Ordnung, um deren Willen er auf dem regelmäßigen Gottesdienstbesuch bestehen müsse, wobei Verweise auf kirchliche Ordnungen und Abkommen mit der evangelischen Kirche sicherlich die größte Legitimationskraft besaßen, so dass er auf weitere persönliche Argumente verzichtete.

2.2.4 Zeit der Vakanz: Schomerus im Krieg

Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Schomerus zum Wehrdienst eingezogen. Im November und Dezember 1939 richtete er zwei Briefe an diejenigen Gemeindemitglieder, die auch zum Militärdienst einberufen wurden. Adressiert an seine „Kameraden“, schildert er im ersten Brief seine ersten Kriegserlebnisse und erzählt von den deutschen Gemeinden „im eroberten Polen“. Demnach habe Schomerus selbst bisher nicht an Kampfhandlungen teilgenommen, aber „doch noch genug vom Krieg gesehen.“ Er berichtet von der Situation der Deutschen, die viel Not leiden müssten. In Śmigiel (Schmiegel) und den umliegenden Dörfern hätten rund 500 Deutsche gelebt, von denen 47 Männer verschleppt und ermordet worden seien. Dort habe Schomerus auch einige Gottesdienste gehalten. In einem seelsorgerischen Teil spricht er die Ungewissheit der gegenwärtigen Zeit an und verweist darauf, „daß auch heute der alte Gott noch lebt und alles nach seinem Willen regiert […] Ihm wollen wir uns und unsere Lieben und unser ganzes Volk befehlen.“ Das erste Schreiben schließt mit einer militärischen Grußformel „In herzlicher Kameradschaft grüßt Euch alle, die Ihr aus Engerhafe zu den Waffen gerufen seid, Euer Kamerad und Pastor Schomerus“.

Im zweiten Brief kurz vor Jahresende berichtet Schomerus Aktuelles aus der Gemeinde; er thematisiert das zurückliegende Jahr und gibt einen Ausblick auf das folgende. Aus der Gemeinde teilt er den Soldaten mit, dass Pastor Enno Janßen aus Münkeboe für ihn die Vertretung übernehme und auch die Konfirmandengruppen leite, wobei ihn zwei Marienhafer Pastoren unterstützten. Er ist dankbar dafür, dass seit Beginn des Krieges bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt niemand aus der Gemeinde im Krieg gefallen oder verwundet worden sei und warnt seine Gemeinde davor, „daß der Krieg noch ernstere Formen annimmt, als er sie jetzt zeigt.“ Schomerus richtet den Blick aufs nächste Jahr, das „ein ernstes u. schweres Jahr werden [wird], das von uns Soldaten, aber auch von unsern Lieben in der Heimat u. unserm ganzen Volk Opfer fordern wird.“ Dafür ersucht er in einer national gefärbten Fürbitte um Gottes Hilfe und Segen: „Gott helfe uns allen, jeder an seiner Stelle seine Pflicht zu tun für Volk u. Führer, u. segne auch in Zukunft den Weg unsres Volkes.“ Den seelsorgerischen Aspekt überträgt Schomerus auf den schützenden Gott, „der mit uns geht, auch ins dunkelste Dunkel, der bei uns ist auch im Toben der Schlacht und im Angesicht des Todes.“ Es kommt zu einer Aneinanderreihung von Bibel- und Gedichtversen, die von der Gnade Gottes und dem Bund seines Friedens sprechen. Wem die Gnade Gottes gewiss sei, den könne nichts und niemand von der Liebe Gottes trennen.

Auch wenn die in die Wehrmacht eingezogenen Gemeindeglieder als Zielgruppe dieser Briefe berücksichtigt werden, fällt der nationalistische und mitunter militaristische Schreibstil auf: Ausdrücke wie „meine Kameraden“, „erobertes Polen“, „unser nun so großes Vaterland“, „für Volk u. Führer“, „zu den Waffen gerufen“ oder auch „Gemeindeglieder im Soldatenrock“ legen nahe, dass sich Schomerus mit der Rolle als Soldat identifiziert. Es fällt auf, dass er angesichts der Eroberung Polens bei seiner Rede von der Liebe Gottes und dem Bund des Friedens nur die Deutschen im Blick hat, und die Leiden der vertriebenen und besiegten Polen ausblendet.

Schaut man sich die Briefzeilen und die Schlüsselwörter genauer an bzw. berücksichtigt das, was eventuell in den Briefen nicht erwähnt wird, könnte sich hinter dem Text eine indirekte Kritik am Krieg verbergen. Beispielsweise spricht Schomerus beim Einmarsch nach Polen von dessen „Eroberung“ und nicht etwa von einem „Sieg“ über Polen, welche der Bedeutung eines Triumphes und der Kriegsverherrlichung näher kommen würde. Grundsätzlich befasst sich Schomerus nicht mit der positivistischen Verklärung des Krieges und der Expansion des Dritten Reiches, wonach die Einnahme Polens für ihn ein Grund zum Jubeln gewesen wäre. Vielmehr sieht er den schweren Zeiten des Krieges entgegen, in denen angesichts von „Schlacht“ und „Tod“ nur Gott noch helfen könne. Demzufolge proklamiert Schomerus nicht etwa den „glorreichen Heldentod“, sondern schreibt von dem Weg ins „dunkelste Dunkel“. Letztendlich könnten die vordergründigen militärischen Floskeln ein Deckmantel für eine verborgene kritische Botschaft von Frieden und Liebe darstellen.

Als Schomerus im Februar 1941 vom Wehrdienst freigestellt wurde, trat er wieder sein Amt in Engerhafe an. Im April 1941 wurde dem Landeskirchenamt gemeldet, dass ein Kirchenvorstandsmitglied verstorben sei und durch ein neues ersetzt werden müsse. Dazu wurde der Gemeindediener Jakob Frerichs ernannt. Fortan fehlte die Unterschrift von Gerd Hicken bei der Unterzeichnung von Beschlüssen oder Protokollen, so dass er als verstorbenes Kirchenvorstandsmitglied gemeint war. Bevor Schomerus zum Wehrdienst eingezogen worden war, hatte sein Aufstieg innerhalb der evangelisch-lutherischen Kirche im Sprengel Ostfrieslands begonnen. Ab Juni 1937 war er mit der „Versehung der Ephoralgeschäfte“ des Kirchenkreises Aurich beauftragt und im Oktober 1941 wurde er nach Esens auf die freie Stelle als Superintendent versetzt. Nach Aussagen von Pastor i.R. Ocke Sanders, des ehemaligen Pastors in Engerhafe, der vor einigen Jahren mit einem Sohn von Schomerus ein Gespräch geführt hatte, hing Schomerus‘ Versetzung nach Esens mit seinem konsequenten Einsatz für die Bekennende Kirche und den großen Differenzen mit Teilen der Engerhafer Bevölkerung, insbesondere den Landwirten, zusammen, was seine weitere Arbeit in der Gemeinde stark beeinträchtigt und eine Versetzung notwendig gemacht habe.

Seit Schomerus‘ Versetzung nach Esens blieb die Engerhafer Pfarrstelle bis Kriegsende praktisch vakant. Zwar wurde im Dezember 1942 nach Freigabe zur Wiederbesetzung der Hilfsgeistliche Riese vom Landesbischof als neuer Pastor ernannt, er wurde jedoch sogleich eingezogen und fiel 1945 in Jugoslawien. Erneut wurde die Vertretung von Pastor Janßen übernommen. Die Vertretung durch ihn schien erst nicht möglich, da Schomerus dem Landessuperintendenten Elster berichtete, dass Janßen bereits neben seiner eigenen Gemeinde Münkeboe-Moorhusen eine vakante Gemeinde mitzuversorgen hätte. Im Oktober 1941 übernahm Janßen offiziell zunächst die Pfarrregistratur und das Pfarrarchiv als Hauptvertreter. Allerdings vertrat Heinken aus Pewsum vorrübergehend bis Februar 1942 in Engerhafe sowie in Victorbur. Von Februar bis Oktober versah Janßen den Dienst, ehe van Dieken aus Hollen bis April 1943 die Vertretung weiterführte. Anschließend übernahm Janßen wieder die Pfarrgeschäfte bis zu seiner Erkrankung im Juli 1943, die er nach Gesundung ab Ostern 1944 wiederaufnehmen konnte. In der Zwischenzeit waren Elster aus Marienhafe und Linnemann aus Osteel im Wechsel für Engerhafe zuständig, die neben ihren eigenen Gemeinden ebenfalls Münkeboe-Moorhusen, Victorbur, Moordorf, Wiegboldsbur, Forlitz, Siegelsum und Berumerfehn versorgten, da zu diesem Zeitpunkt schon über ein Drittel der Pastoren für den Wehrdienst eingezogen worden waren.

Außerdem bezog eine Abteilung französischer Facharbeiter unter Führung eines Hauptmanns Förster, der ein reformierter Pastors aus dem Rheinland war, das im Jahre 1942 erbaute Barackenlager in Engerhafe und der Pastor half den vakanten Gemeinden aus, indem er zweimal sonntäglich predigte. Dieser Zeitraum der Vakanz muss die Pastoren sehr viel Kraft gekostet haben. Nach den aufwühlenden Jahren der Auseinandersetzungen mit den Deutschen Christen, die den Zusammenhalt der Gemeinde störten, trug die Vakanzzeit mit den häufigen Pastorenwechseln nicht dazu bei, den Gemeinden neue Stabilität zu verleihen. Auf die letzte Frage eines von der Landeskirche ausgestellten Fragebogens aus dem Jahr 1946 zur Engerhafer Kirchengeschichte von 1933 bis Kriegsende antwortete der damalige Pastor Kuhnert, dass die Vakanz noch nachteiliger als der Krieg gewesen sei. Diese Aussage betont die verheerenden Auswirkungen dieses Zustandes für die Kirchengemeinde Engerhafe. Diese könnten unter anderem den Mangel an Führung in der Kirchengemeinde und eine weitere Auflösung der Verbindung zur Kirche beinhalten sowie zu einer sinkende Religiosität bis hin zur möglichen Desorientierung der Gemeindeglieder geführt haben.

3 Die Auseinandersetzungen der Kirchengemeinde Engerhafe mit dem Konzentrationsaußenlager Neuengamme in Engerhafe

3.1 Die Vertretung durch Pastor Enno Janßen in der Vakanzzeit

Abgesehen von einigen zeitlichen Unterbrechungen wirkte Pastor Janßen praktisch seit November 1939 in Engerhafe als Hauptvertreter in der Vakanzzeit. Es ist anzunehmen, dass er eine weitestgehend analoge kirchenpolitische Linie wie Schomerus verfolgte, hatte er doch als Mitglied der Landeskirchlichen Sammlung zahlreiche Protestschreiben gegen Meyer als kommissarischen Generalsuperintendenten sowie gegen die Eingliederungsbestrebungen unterzeichnet und sich in einem Schreiben an Friedrich Anfang November 1933 über die volksmissionarische Arbeit in der Münkeboer Gemeinde gegenüber den Deutschen Christen kritisch geäußert: „Es besteht […] die Gefahr, dass die Ortsgruppe der Deutschen Christen, die anfängt eine lebhafte Werbetätigkeit zu entfalten, eine Spaltung in die Gemeinde trägt. Bisher habe ich durch fleißiges Bemühen die Verbindung [der Deutschen Christen zur Gemeinde] noch aufrecht erhalten können.“ Gemeinsam mit Schomerus beobachtete er den NSDAP-Schulungsabend im Dezember 1933, um dem Landesbischof Bericht zu erstatten. Hierbei stellte Janßen heraus, dass das Verhältnis zwischen der NSDAP und den Deutschen Christen nicht so harmonisch sei, wie von Meyer immer behauptet wurde und schrieb im November 1934 an Elster, dass nun der Zeitpunkt gekommen sei, den kommissarischen Auftrag von Meyer im Ganzen zurückzuziehen, da nun auch die ganze Bevölkerung erkannt habe, dass Hitler nicht hinter den Deutschen Christen stehe. Janßen setzte sich für die Bekenntnisgemeinschaft ein und hielt kurz nach ihrer Gründung während der ersten Bekenntnisgottesdienste im Mai 1934 die Predigt in der Kirchengemeinde Middels. Als er anlässlich einer Beerdigung durch einen deutsch-christlichen Pastor das Glockengeläut verbot, wurde er vom Landrat informiert, dass das Glockengeläut durch polizeilichen Zwang durchgeführt werde und bei Zuwiderhandlungen gemäß der Notverordnung zum Schutze von Volk und Staat die erforderlichen Maßnahmen ergriffen würden. Das heißt, Janßen wurde ganz konkret mit „Schutzhaft“ bedroht, sollte er nicht bereit sein, sich zu fügen. Gegenüber den Deutschen Christen wandelte sich Janßens Haltung also von einer zunächst skeptischen Einstellung bis zum Versuch entschiedener Gegenwehr. Die Verbundenheit Janßens mit dem NS-Staat wird bei den innerkirchlichen Oppositionshandlungen erkennbar. Auch für ihn trifft die allgemein festgestellte Tendenz zu, dass er sich durchaus als staatstragend und national darstellte. Der Bericht über den Schulungsabend diente beispielsweise dazu, die Differenzen zwischen den Deutschen Christen und der NSDAP aufzudecken, um sie als eine von der NSDAP unerwünschte oder nicht unterstützte Bewegung staatsverträglich zu bekämpfen. Des Weiteren achtete Janßen bei der Absetzung Meyers auf den richtigen Zeitpunkt, damit die Bevölkerung die Entscheidung akzeptiere, und er nicht als Reaktionär bezeichnet würde, was die Kirche im Sprengel Ostfriesland generell und auch er selbst unter allen Umständen verhindern wollte. Dem ist entgegenzuhalten, dass Janßen bei Zuwiderhandlungen mit ernsten Konsequenzen zu rechnen hätte, die für ihn den Verlust sämtlichen Rückhaltes bis hin zur Gefährdung von Amt und Leben hätten bedeuten können.

3.2 Die Beschlagnahmung des Pfarrhauses und des Pfarrgartens und der Bau eines Gemeinschaftslagers

In einem Bericht vom 27.02.1942 teilt Janßen dem Landeskirchenamt in Hannover mit, dass die NSDAP das Pfarrhaus und den dazugehörigen Pfarrgarten beschlagnahmt habe, damit dort ein Barackenlager zur Unterbringung von 500 Fremdarbeitern errichtet werden könne, die in Emden Luftschutzbunker für die Zivilbevölkerung bauen sollten:
„Vor etwa 3 Wochen erschien ein höherer Parteibeamter mit dem Ortsbauernleiter bei dem stellvertretenden Vorsitzenden des Kirchenvorstands, dem Kirchenvorsteher Klugkist in Engerhafe und erklärte, daß Pfarrhaus und Pfarrgarten für ein für die Organisation Todt zu errichtendes Barackenlager benötigt würden. Auf die Äußerung des Kirchenvorstehers, er sei allein nicht verfügungsberechtigt, erklärten die Herren, er solle keine Schwierigkeiten machen, Pfarrhaus und Pfarrgarten würden beschlagnahmt.“

Janßen führt im Bericht weiter aus, dass bereits eine Baumannschaft von zehn Tschechen und zehn Deutschen das Pfarrhaus, das bereits an zwei ausgebombte Emder Familien vermietet gewesen sei, bezogen und mit dem Bau einer von zwei Hauptbaracken im Pfarrgarten begonnen habe. Über die Aufteilung der Räumlichkeiten berichtet Janßen: „Die Deutschen haben den Konfirmandensaal, die Tschechen das ehemalige Studierzimmer und das Besuchszimmer bezogen. Im Wohnzimmer der einen Emder Familie ist das Baubüro, in der Waschküche die Mannschaftsküche eingerichtet.“ 20 weitere Arbeiter würden für den Bau der übrigen Baracken erwartet, die auf den Schulplatz errichtet werden sollten sowie entlang der Allee am Pfarrgarten. Nach Abschluss der Bauarbeiten solle das Pfarrhaus Mitte April wieder geräumt sein. Zahlreiche Obstbäume seien bereits gefällt. Janßens Empörung über das Geschehene wird im letzten Satz des Berichts offenkundig: „Die so sorgfältig gepflegte Pfarre unserer Gemeinde bietet bereits ein arges Bild der Verwüstung.“

Das Schreiben ans Landeskirchenamt schildert die Hilflosigkeit, in der sich der Kirchenvorstand offensichtlich befand. Wahrscheinlich hatte er zunächst auf eine offizielle schriftliche Beschlagnahmeverfügung der verantwortlichen Dienststelle gewartet und war dann überrascht über die kurzerhand eintreffenden Bauarbeiter, die sogleich vollständig über das Pfarrhaus verfügten und mit den Bauarbeiten begannen. Janßen wusste sich keinen anderen Rat als sich ans Landeskirchenamt zu wenden angesichts der erfahrenen Willkürmaßnahmen. Die vakante Kirchengemeinde schien für die Errichtung eines Barackenlagers besonders geeignet zu sein, da aufgrund der Vakanz wenig Widerstand zu erwarten war und das pfarrerlose Pfarrgrundstück als geeignete Unterkunft und Baufläche erschien. Es wird mündlich überliefert, dass das Barackenlager ursprünglich auf den Ländereien des Ortsbauernführers Habbinga errichtet werden sollte, die an den Engerhafer Bahnhof grenzten und somit eine gute Anbindung für den Transport der Fremdarbeiter darstellten. Da Habbinga sein Land nicht zur Verfügung stellen wollte, wies er die verantwortliche Dienststelle vermutlich auf die vakante Kirchengemeinde hin. Es ist nicht auszuschließen, dass Habbinga als Angehöriger der reformierten Kirche zusätzlich durch Uneinigkeiten mit der Kirchengemeinde um nicht geleistete Kirchensteuerzahlungen im Jahre 1937 motiviert wurde: Der Kirchenvorstand protokollierte, dass Habbinga bei der Kirchengemeinde eine Schuld von 48,.. Reichsmark habe und der Kirchenvorsteher ihn darüber unterrichten werde. Dieser Zwist könnte – neben der Wahrung seiner eigenen Interessen als Landwirt – eine Erklärung dafür bieten, dass er den Vertreter der Organisation Todt bei der Begegnung mit Klugkist begleitete.

Auf Janßens Bericht folgte am 12. März ein Schreiben vom Landeskirchenamt an den Regierungspräsidenten in Aurich mit der Bitte baldmöglichst einzugreifen, um den „bestehenden unhaltbaren Zustand“ zu beheben. Das Landeskirchenamt bemerkt, dass eine förmliche Beschlagnahmeverfügung von keiner Dienststelle ergangen sei. Zum 16. März wurde dann eine Kirchenvorstandssitzung einberufen, in der das Pfarrhaus und der Pfarrgarten zur Besichtigung begangen wurden. Janßens Bericht an das Landeskirchenamt deckt sich mit den Angaben des Kirchenvorstandsprotokolls, in dem dokumentiert ist, dass ein „unbekannter Herr von der Organisation Todt“ und der Ortsbauernführer den Kirchenvorsteher Klugkist besuchten, um zu erklären, dass Beschlagnahme stattfinde und jegliche Einwendungen zwecklos seien. Von etwaigen Maßnahmen, die man angesichts der Lage ergreifen könnte, ist im Protokoll nicht die Rede. Vermutlich glaubte der Kirchenvorstand nicht mehr an eine Wendung, da der Bau schon zu weit vorangeschritten war und wartete stattdessen auf weitere Anweisungen aus Hannover. Da das Landeskirchenamt keine Antwort von Seiten des Auricher Regierungspräsidenten erhielt und nichts weiter gegen die Beschlagnahmung geschah, bat es den Kirchenvorstand am 28. März, sich selbst gegen die Inanspruchnahme zu wehren, indem er bei der verantwortlichen Dienststelle Verwahrung einlege und die Freistellung beantrage, und, falls diese nicht bekannt sei, beim Bürgermeister oder Landrat. Diese Anweisung geht auch aus dem Kirchenvorstandsprotokoll vom 16. April hervor, welches dokumentiert, dass das Landeskirchenamt dem Engerhafer Kirchenvorstand empfahl, wie das Landeskirchenamt selbst, beim Auricher Regierungspräsidenten Verwahrung einzulegen, was Janßen auch tat, indem er dem Auricher Landrat schrieb und die Freistellung des kirchlichen Anwesens beantragte. Zugleich ging ein weiterer Bericht an das Landeskirchenamt zur Schilderung der gegenwärtigen Lage. Darin schrieb er, dass die Baracken fertiggestellt und schon mit Arbeitern belegt worden seien. Nach Abschluss der Baumaßnahmen bestand das für 520 Arbeiter ausgelegte Lager aus vier Unterkunftsbaracken, einer Wirtschaftsbaracke, einer Waschbaracke, drei Abortbaracken sowie einer Gerätebaracke. Janßen führte aus, dass im Pfarrgarten Gräben ausgeschachtet und Zementrohre darin als Unterstände verlegt seien. Das Baukommando wohne noch im Pfarrhaus, welches samt Konfirmandensaal nach Abzug des Kommandos wieder frei werden müsse. Allerdings befürchtete Janßen, dass die zukünftigen Lagerführer mit ihren Familien das Pfarrhaus weiter beziehen würden, und appellierte an das Landeskirchenamt die Pfarrstelle bald zur Wiederbesetzung freigezugeben, „damit der Kv. eine Handhabe hat, [der] momentanen Fremdnutzung entgegenzutreten u[nd] […] damit eine Person an Ort und Stelle ist, d[ie] d[ie] Interessen von Gemeinde und Kv., besonders der Landesk[irche], versieht“, damit Engerhafe in Zukunft vor solchen Widrigkeiten bewahrt werde. Tatsächlich leitete das Landeskirchenamt Schritte ein, um die Pfarrstelle wieder zu besetzen, da im Dezember 1942 der Hilfsgeistliche Riese der Gemeinde zugewiesen wurde, welcher jedoch aufgrund seines Einzugs in die Wehrmacht nicht mehr aktiv werden konnte.

Janßens Bericht zeigt, dass sich die Engerhafer Gemeinde in ihrem damaligen Zustand nicht in der Lage sah, die Ereignisse abzuwenden. Und da Janßen neben seiner eigenen Gemeinde noch Victorbur und gelegentlich weitere Gemeinden zu versorgen hatte, die oftmals mehrere Kilometer entfernt lagen und bisweilen ohne Kraftfahrzeug erreicht werden mussten, war er angehalten sich seine Kräfte einzuteilen und konnte die Herausforderungen, vor denen die Gemeinde gestellt war, alleine nicht bewältigen. Demzufolge unternahm Janßen das, was unter den belastungsvollen und unterdrückenden Umständen in seiner Macht stand.

Den vorliegenden Quellen zufolge vergingen Monate, bis sich der Landrat zu den Briefen des Landeskirchenamts und der Engerhafer Kirchengemeinde äußerte. Am 7. September erreichte den Kirchenvorstand ein Brief der Landeskirchlichen Finanzabteilung, die anfragte, ob die Inanspruchnahme noch fortdauere und ob inzwischen eine Vereinbarung mit der verantwortlichen Dienststelle getroffen worden sei. Dem Landeskirchenamt wurde vom Landrat der Reichsminister für Bewaffnung und Munition in Emden und als ausführende Baufirma „Kettler jun.“ aus Münster als zuständige Dienststelle mitgeteilt. In einem weiteren Brief vom 12. Oktober – der als Antwort auf einen Engerhafer Bericht vom 27.09. verfasst wurde, welcher jedoch nicht mehr erhalten ist – bat die Finanzabteilung den Kirchenvorstand, mit dem Reichsminister in Kontakt zu treten, um einen Pachtvertrag abzuschließen, „in dem Art, Umfang und Dauer der Benutzung des Grundstücks und die dafür zu zahlende Entschädigung“ zu vereinbaren seien und der dann der Finanzabteilung zur Genehmigung vorzulegen sei. Rund eine Woche später sandte Janßen die Anfrage um Unterbreitung eines Vertrages an den Emder Reichsminister für Bewaffnung und Munition. Vom Oldenburger Reichsminister kam sogleich die Antwort, Janßen solle sich direkt mit dem Oberbürgermeister in Emden in Verbindung setzen, da dieser den Auftrag zum Lagerbau in Engerhafe gegeben habe. Zwischen dem Emder Oberbürgermeister und der Kirchengemeinde Engerhafe ist keine Korrespondenz erhalten, die die Schließung eines Pachtvertrages belegt. Jedoch ist von einer Vereinbarung auszugehen, da aus Auszahlungsanordnungen des Oberbürgermeisters für die Stadtkasse Emden hervorgeht, dass der Kirchengemeinde Entschädigungen für die Inanspruchnahme der Ländereien gezahlt wurden. Dabei wurden jährliche Entschädigungssummen von 100 Reichsmark festgesetzt, die jedoch erst ab 1944 rückwirkend gezahlt wurden. Demnach erfolgte im Oktober 1944 die erste rückwirkende Zahlung von 250 Reichsmark für die zurückliegenden zweieinhalb Jahre. In zwei weiteren Zahlvorgängen für die Zeiträume vom 01.08.44 bis 31.03.45 und vom 01.04.45 bis 31.03.46 empfing die Kirchengemeinde jeweils 66,64 Reichsmark und 100 Reichsmark.

Nach Vollendung der Emder Luftschutzbunker und dem Abzug der Fremdarbeiter aus Engerhafe im Mai 1942 wurden im Arbeitslager zeitweise Soldaten und weitere Fremdarbeiter untergebracht. Beispielsweise bezog eine 49-köpfige Mannschaft einer Telefonbauleitung im August 1943 dort ihr Quartier. Im September 1944 waren im Lager nochmals Arbeiter für Schanzarbeiten untergebracht.

3.3 Umfunktionierung und Erweiterung zum Konzentrationslager

Am 21. Oktober 1944 erreichte eine Baumannschaft von etwa 400 Zwangsarbeitern aus dem Konzentrationslager Neuengamme das Gemeinschaftslager in Engerhafe, um es mit weiteren Baracken für die Inhaftierung eines größeren Baukommandos zu erweitern und es mit Zäunen, elektrischem Stacheldraht und Wachtürmen zu einem Konzentrationslager umzufunktionieren. Sieben größere und einige kleinere Baracken bildeten nun das gesamte Areal und wurde kurzerhand mit ungefähr 2000 Zwangsarbeitern aus 13 europäischen Ländern belegt. Das Lager war für die Größe des Panzergrabenkommandos ungeeignet. Es gab nicht genügend Schlafplätze, Lebensmittel und Kleidung, keine Heizung und nicht annähernd ausreichende sanitäre Anlagen. Und die Aufgabe, einen Panzergraben um Aurich auszuheben, war aufgrund des bisherigen Kriegsverlaufes völlig unnötig und militärstrategisch absolut unsinnig.

Die Aktion diente lediglich dem Prinzip „Vernichtung durch Arbeit“: Bei Hunger, Kälte und Nässe sowie unter Androhung von Schlägen wurden die Gefangenen bis zur totalen Erschöpfung zur Arbeit gezwungen. Staschen, der sich mit verschiedenen Arbeits- und Gefangenenlagern rund um Aurich auseinandersetzte, kommt zu der Bewertung, dass mit der Errichtung des Konzentrationsaußenlagers Engerhafe „das wohl kürzeste, jedoch zugleich auch unmenschlichste Kapitel in der Geschichte der Lager im Kreis Aurich [begann].“ Um die Umstände zu veranschaulichen, ist in diesem Zusammenhang von einem dramatischen Ereignis auf dem Friedhof zu berichten, das erstmalig durch die Zeitzeugenbefragung auf der Engerhafer KZ-Gedenkveranstaltung im Oktober 2012 bekannt wurde: Hermann Claassen, der damals ein jugendlicher Knecht des Bauern und Totengräbers Oldewurtel war, half die KZ-Insassen zu begraben. Er beobachtete, wie ein jüngerer Insasse während eines Begräbnisses behauptete, dass der zu Bestattende noch am Leben sei. Hierbei soll es sich um Vater und Sohn gehandelt haben. Da sich der junge Gefangene weigerte, beim Begräbnis zu helfen, schlug ihn ein Soldat der Wachmannschaft mit dem Gewehrkolben ins Genick, so dass er reglos in die Grabstelle fiel. Aufgrund solcher Tat beschimpfte Claassen den Soldaten, dass er nach Russland an die Front gehen solle, wenn er töten wolle. Um die Situation zu beruhigen, wurde Pastor Janßen gerufen, der nebenan im Pfarrhaus Konfirmandenunterricht erteilte.

Claassen selbst wurde allerdings für sein auflehnendes Verhalten zwei Wochen lang im Strafgefangenlager am Ellernfeld in Aurich gefangen gehalten und schikaniert.
Classens Bericht ist ein Beispiel für die Willkür und Gewalt im Lager. Durch das Hinzurufen Janßens zur Schlichtung des Streits am Massengrab begegnete Janßen hautnah den Widrigkeiten und Missständen des Konzentrationslagers und war ihren Umständen und Folgen direkt ausgesetzt. Das oben geschilderte Verhalten des Soldaten widerspricht einer Beobachtung Janßens, der die Soldaten der Wachmannschaft als ältere, nicht mehr kampfeinsatzfähige Marinesoldaten beschreibt, die den Gefangenen gegenüber wohl nicht übel gesonnen gewesen seien. Insofern könnte es sich bei dem beschriebenen Gewaltakt durchaus um einen Einzelfall handeln, zumal vornehmlich von Misshandlungen der Gefangenen durch die Kapos berichtet wird, welche zur Beaufsichtigung ihrer Mithäftlinge eingesetzte Funktionshäftlinge waren.

Da die Kirchengemeinde für die Bestattung der Toten verantwortlich war und die Zahl der Todesfälle rapide anstieg, kam am 6. November 1944 der Kirchenvorstand zur Besprechung dieser kritischen Situation zusammen, um unter anderem die Erweiterung des Kirchhofes zu besprechen:
„1) Erweiterung des Kirchhofes. Das Barackenlager im Pfarrgarten ist seit einiger Zeit in ein Gefangenenlager verwandelt und sehr stark belegt worden. Es sind Todesfälle eingetreten, bis zum heutigen zehn. Die Kirchengemeinde muss für Beerdigung sorgen. Auf dem Friedhof steht nur noch die Reihe 1a auf der Westseite der Kirche zur Verfügung des Kirchenvorstandes. In dieser Reihe sind auch schon eine Anzahl von Gräbern belegt. Eine Erweiterung des Kirchhofes muss deshalb sofort angestrebt werden, zumal auch in der Gemeinde noch Familien vorhanden sind, die keine eigenen Grabstellen besitzen. Der Kirchenvorstand beschließt: Der Kirchhof wird um die freie Fläche südlich des Glockenturmes und dem hieran anschließenden früheren Spielplatz erweitert […] Die südliche Hälfte wird zur Beerdigung der Strafgefangenen zur Verfügung gestellt.“

Lakonisch beschreibt der Kirchenvorstand die dramatische Lage. Der Zustand wird sachlich geschildert, um die Gründe für die Erweiterung des Kirchhofes zu erklären, die sich aus einer Überbelegung des Lagers und dem grundsätzlichen Bedarf der Gemeinde an neuen Grabstellen ergeben. Die knappe Beschreibung der Lage und die Reaktion auf die Todesfälle weisen auf ein pragmatisches Vorgehen hin. In dem Protokoll sind zudem Spuren einer Resignation erkennbar: Schon die erste Beschlagnahme des Pfarrhauses und Pfarrgartens durch die Intrige Habbingas bewies der Gemeinde, dass sie für die Abwehr der staatlichen Willkür nicht stark genug war. Wiederholte Beschwerden gegen die Errichtung des Barackenlagers hatten nicht zum Erfolg geführt. Die kritischen Verhältnisse gegen Ende des Zweiten Weltkrieges könnten zur kurzen Skizzierung der damaligen Situation geführt haben. Der bereits verlorene Krieg, der Verlust von nahen Angehörigen, die Luftangriffe der Alliierten, Hunger sowie aggressive Geheimpolizeimethoden gegenüber jeglichem Widerstand lähmten den Kirchenvorstand, der durch die andauernde Vakanz nicht entsprechend geführt und unterstützt werden konnte.

Insgesamt fühlt sich jedoch die Kirchengemeinde für die Beerdigungen zuständig. In der Kirchenchronik von 1946 beleuchtet Janßen im Rückblick die prekäre Situation der Gemeinde ausführlicher:
„Im Lager herrschten Hunger, Kälte und Nässe. Bald setzte ein großes Sterben ein. Obwohl die Gefangenen etwa 8 Wochen blieben u. obwohl die 600 Schwächsten schon nach 6 Wochen abtransportiert wurden, wurden dem Totengräber 187 Gestorbene gemeldet, die ohne kirchliche Beteiligung u. auch sonst ohne jedes Wort begraben wurden. […] Eine Anzahl von Gemeindeglieder beobachteten empört Mißhandlungen und nicht zu verantwortende Mißstände. Ich darf sagen, daß die ganze Gemeinde über die Erlebnisse mit dem Lager empört war.“

Janßen berichtet, dass sich das Barackenlager zu „einer großen Not“ der Kirchengemeinde entwickelt habe und diese somit emotional schwer belastete. Er war sich auch vermutlich darüber im Klaren, dass die Insassen unschuldig inhaftiert wurden: er berichtet, dass über den Grund der Inhaftierung der Zwangsarbeiter nichts Zuverlässiges bekannt gewesen sei. Seine Bemerkung, die Gestorbenen wären ohne kirchliche Beteiligung und auch sonst ohne jedes Wort begraben worden, deutet sein Bedauern gegenüber diesem dramatischen Zustand an. Es fanden demnach weder Einsegnungen der Toten, geschweige pastoral begleitete Beerdigungen statt. Allerdings ist keine Verbindung oder Zusammenarbeit zwischen der Lagerleitung und dem Kirchenvorstand dokumentiert. Daher wurden die einzelnen Bestattungen der Toten wahrscheinlich direkt von der Lagerleitung – ohne Einbeziehung der Kirche und ohne den Kirchenvorstand davon in Kenntnis zu setzen – angeordnet.

Mutmaßlich könnten die Hilf- und Machtlosigkeit der Kirchengemeinde angesichts der katastrophalen Zustände, die die Möglichkeiten des Einzelnen überstiegen, den Ausschlag für die Distanz zu den schrecklichen Geschehnissen gegeben haben. Zuletzt stellt die hohe Auslastung der Pastoren in den letzten Kriegsjahren und der geschwächten Gemeindestruktur einen weiteren Faktor dar, der die Vernachlässigung der gestorbenen Insassen förderte. Außerdem könnte angeführt werden, dass die Kirchengemeinde einerseits aus Gründen des Selbstschutzes und andererseits um den Unannehmlichkeiten und der Unberechenbarkeit der Lagerleitung aus dem Weg zu gehen, versuchte, sich aus der Affäre zu ziehen. Wäre die Bevölkerung zur Bestattung der verstorbenen Zwangsarbeiter zusammen gekommen, hätte das möglicherweise als einen oppositionellen Akt gegen das NS-Regime interpretiert werden können. Besonders gegen Kriegsende wurden Handlungen gegen das Gewaltregime rigoros und schwer bestraft.

Aus den Quellen können keine nationalistischen, rassistischen oder religionsdiskriminierenden Gründe für eine Nichtbeteiligung der Gemeinde oder eines Pastors an den Begräbnissen abgeleitet werden, die ebenfalls eine Nichtbeachtung der toten Zwangsarbeiter auf dem Kirchhof erklären könnten. Stichhaltige Begründungen für die Enthaltung der Kirchengemeinde sind aus den Quellen nicht abzuleiten und können deshalb nur spekuliert werden. An dieser Stelle sind auf die Grenzen der Rekonstruktion von Lokalgeschichte hinzuweisen, da oft Details fehlen, die zum besseren Verständnis einzelner Vorgänge – besonders von Handlungsmotiven – nötig wären.

Aus der Perspektive einer strikten Trennung zwischen der Kirchengemeinde und dem Konzentrationslager und der Abgabe jeglicher Verantwortung für die Geschehnisse erscheint die Annahme der Entschädigungszahlung von der Stadt Emden für die Entwendung der Ländereien nicht unbegründet, da sich die Kirchengemeinde selbst von den Nationalsozialisten ungerecht behandelt und daher ebenfalls als Opfer fühlte, dem eine Entschädigung zustand. Die nachträgliche Pachtzahlung sollte im Nachhinein die Willkürmaßnahme der NSDAP legitimieren, die sich über das Kirchenrecht hinweggesetzt hatte. Dabei handelte es sich bei jährlich 100 Reichsmark um relativ kleine Summen. Es muss zudem bedacht werden, dass der Pachtvertrag von der Kirchengemeinde zu einem Zeitpunkt beantragt wurde, als es sich noch um kein Konzentrationslager, sondern ein Arbeitslager handelte, das der Unterkunft von Fremdarbeitern diente. Die erste Zahlung hatte die Gemeinde erhalten, kurz bevor das Arbeitslager zu einem Konzentrationsaußenlager umfunktioniert wurde. Dagegen ist die 1945 angenommene Entschädigungszahlung für die vereinnahmten Ländereien zum Zwecke solcher Unmenschlichkeit aus moralischer Sicht in Frage zu stellen.

Im April 1945 wurde das Konzentrationslager nochmals mit zumeist niederländischen Zwangsarbeitern belegt, darunter auch Frauen und Kindern, die erneut unter lebensfeindlichen Bedingungen leben mussten, ehe die einrückenden Truppen aus Kanada sie befreiten und verpflegten. Im Anschluss daran kam es auch zu vereinzelten Gewalttaten und viele Fahrräder wurden gestohlen. Im Gegensatz dazu berichtet Wilken, dass nach Zeitzeugenaussagen diese Internierten Fremdarbeiter gewesen seien, die sich wiederum frei auf dem Gelände hätten bewegen können. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass Janßen die Beerdigung eines Belgiers herausstellt, welcher kurz vor seiner Abreise einem „Schlaganfall erlag […] [und] auf Veranlassung des Kommandanten unter der Beteiligung des ganzen Lagers von mir und von der Kirche aus beerdigt [wurde].“ Durch die explizite Erwähnung dieser Beerdigung nach der Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft deutet Janßen an, dass die Kirchengemeinde sich der kirchlichen Beerdigung der KZ-Insassen wohl nicht entziehen wollte, was aber angesichts der Zustände in den Jahren zuvor nicht möglich erschienen war und nun auf Veranlassung des Kommandanten einmalig durchgeführt werden konnte. Janßens Schilderung impliziert, dass die Kirchengemeinde nach der Befreiung von der NSDAP wieder mehr Handlungsspielraum hatte.

Das Lager diente bald als Ort der Entnazifizierung. Demzufolge hatte man nach einiger Zeit begonnen, Gemeindemitglieder, die der nationalsozialistischen Partei angehört hatten, in das Lager zu holen, um ihnen die Haare zu scheren, das Hakenkreuz auf die Kleidung zu malen sowie sie die Latrinen reinigen und „anderen Unrat“ forträumen zu lassen. Über den Verlauf schildert Janßen, dass es zuerst einen gewaltigen Schrecken in der Gemeinde gegeben habe, aber die Sache dann doch „verhältnismäßig harmlos“ abgelaufen sei, da der Kommandant des Lagers ein älterer niederländischer Lehrer von „rechtlicher Gesinnung“ zum Kommandanten gewesen sei, der – wie er Janßen gegenüber erklärte – nicht dieselben Verbrechen wiederholen wolle, die die SS in den Niederlanden begangen habe. Janßen und der niederländische Kommandant standen darum auf den Wunsch des Kommandanten hin in Kontakt, damit „nationalsozialistisch nicht belastete“ Männer nicht ins Lager kämen. Als ein Kirchenvorsteher hineingeholt wurde, sei er sofort wieder freigelassen worden, nachdem der Kommandant sich von seiner treuen Hinneigung zur Kirche überzeugt hatte, wobei Janßen ein entscheidendes Wort für den Kirchenvorsteher beim Kommandanten eingelegt haben dürfte. Dabei ging es vermutlich um Gerke Doden, der als Deutscher Christ am ehesten Mitglied der NSDAP gewesen sein könnte.

Zuletzt wurden im Juni 1945 3000 Soldaten der sogenannten „holländischen Armee“, einem aus deutschen Soldaten bestehenden Kader, der die Niederlande besetzt gehalten hatte, in Engerhafe interniert. Danach wurde das Konzentrationslager allmählich von Unbekannten, vermutlich Einheimischen, illegal demontiert, die damit ihren Bedarf an Holz und anderen Materialien decken wollten.

4 Schlussbetrachtung

Meine Untersuchung zur Einstellung der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Engerhafe gegenüber dem Nationalsozialismus ergibt, dass sich die Kirchengemeinde nicht wesentlich von dem unterschied, was in der bisherigen Forschung zur politischen Haltung der Evangelisch-lutherischen Kirche im Sprengel Ostfriesland herausgearbeitet worden ist:
Die Auseinandersetzungen mit den Deutschen Christen, die Aushändigung der Kirchenbücher, die Korrespondenz mit anderen nationalsozialistischen und öffentlichen Einrichtungen, wie die NSDAP-Ortsgruppe, die Auricher Hitlerjugendleitung und der Reichsverband für evangelische Presse, sowie die Inhalte der kirchlichen Kriegsbriefe bestätigen insgesamt Schomerus‘ Loyalität zu Hitler und dem Staat. Gerade in der Auseinandersetzung mit den Deutschen Christen und deren Vorwurf einer angeblich reaktionären Einstellung der bekennenden Pastoren gegenüber dem NS-Staat tritt Schomerus‘ konforme Haltung als Rechtfertigung gegenüber unzutreffenden Anschuldigungen hervor.

Politische Diffamierungen seitens der Deutschen Christen gegenüber Pastoren, die die Glaubensbewegung nicht befürworteten, können als Druckmittel und Agitation angesehen werden, um die bekenntnistreuen Pastoren negativ darzustellen und die Bevölkerung auf die Seite der Deutschen Christen zu ziehen, die zu Beginn von der Bevölkerung als eine von der NSDAP unterstützte und damit rechtmäßige Kirchenbewegung wahrgenommen wurde. Somit war Schomerus anfangs damit beschäftigt sich bei gleichzeitiger Ablehnung der deutsch-christlichen Glaubensbewegung politisch als staatstreu und vaterlandsliebend zu rechtfertigen beziehungsweise darzustellen. Meines Erachtens muss hier zwischen Staatstreue und Ergebenheit gegenüber dem NS-Staat unterschieden werden. Aufgrund der diktatorischen Strukturen und dem gesellschaftlichen Druck, die die Loyalität zum NS-Regime verlangten, kann nicht geschlussfolgert werden, dass Schomerus tatsächlich auch Sympathien für den Nationalsozialismus hatte, zudem es im Verlauf des Kirchenkampfes zu Spannungen zwischen ihm und der NSDAP kam. Hierbei könnte als Forschungsausblick eine weitere Untersuchung privater Dokumente oder kirchlicher Schreiben während seiner Zeit als Pastor in Esens hilfreich sein, um eine authentischere und verlässlichere Einsicht in seine politische Einstellung zu erhalten, die aufgrund des öffentlichen Charakters der analysierten Dokumente in meiner Arbeit nicht gewährleistet werden kann.

In der Abwehr der deutsch-christlichen Kirchenbewegung ging Schomerus resolut vor. Entschieden wehrte er sich gegen den Einfluss und die Ziele der Deutschen Christen, was ihm besonders nach der Flugblattverteilung zur Aufklärung der kirchenpolitischen Lage auf dem Moorhusener NSDAP-Schulungsabend im Dezember 1933 große Unbeliebtheit bei der deutsch-christlichen Engerhafer Gemeindegruppe und auch bei vielen Nationalsozialisten einbrachte. Dieser Vorfall führte zu einer Distanzierung vieler Deutscher Christen und Nationalsozialisten von der Kirchengemeinde und belastete seitdem deren Verhältnis. Dennoch hielt der Konflikt Schomerus nicht davon ab, weiterhin entschlossen und mutig für die Position der Landeskirchlichen Sammlung einzutreten, die die Bewahrung des lutherischen Bekenntnisses und die Selbstständigkeit der Hannoverschen Landeskirche verlangte. Hervorzuheben ist Schomerus‘ verantwortungsvolles Handeln, das sich in herausragender Weise anhand seiner eindringlichen Appelle an den Landesbischof darstellt, den kirchlichen Forderungen gerecht zu werden. Trotz diktatorischer Zustände und dem kollektiven Massennationalismus bewahrte Schomerus den Glauben an sich selbst, durch individuelles Handeln etwas bewirken zu können, sowie an die moralische Überlegenheit der Bekennenden Kirche, die den Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus von der Kirche zurückweisen konnte.

Dem unrechtmäßigen Eingriff staatlicher Gewalt konnte sich die vakante Engerhafer Kirchengemeinde bei der Beschlagnahme ihres Pfarrhauses und Pfarrgartens für den Bau des Arbeitslagers nicht erwehren. Der Antrag des Vertreters Janßen auf Freistellung wurde nicht stattgegeben, die Verhandlungen zur Schließung eines Pachtvertrages verliefen zäh und die erste Auszahlung einer Entschädigung erhielt die Kirchengemeinde erst zweieinhalb Jahre nach der Beschlagnahme. Die Entwicklungen verdeutlichen die enormen Schwierigkeiten beim Versuch, sich den NS-Maßnahmen zu widersetzen und zeigen sogleich die Unterlegenheit der Kirchengemeinde gegenüber der Willkür und Unberechenbarkeit dieses diktatorischen Staates. Angesichts fehlender Ansprechpartner, wie im Fall der Beschlagnahmung und der sich hinziehenden Pachtvertragsverhandlungen ersichtlich, ist Verantwortung schwer zu realisieren. Dabei waren die parallelen Strukturen von staatlichen, parteilichen und kirchlichen Leitungen, die durch den Totalitätsanspruch der NSDAP nur eingeschränkt handlungsfähig waren und gegebenenfalls unterschiedliche Interessen hatten, für die diffuse Verteilung der Zuständigkeitsbereiche und das fehlende Durchgreifen ausschlaggebend. Da diese Strukturen schwer zu durchschauen waren, behinderten sie die Selbstbehauptung der Kirchengemeinde.

Als es zu einer Erweiterung zum Konzentrationslager, seiner Massenbelegung und den Misshandlungen und Todesfällen in Engerhafe kam, wurde der Zustand von Janßen und der Gemeinde als „große Not“ empfunden. Widerspruch und Beschwerden führten lediglich zur Zahlung einer finanziell dürftigen Pacht, die meines Erachtens als nachträgliche Pseudolegitimierung der unrechtmäßigen Grundstücksbeschlagnahmung angesehen werden könnte. Die Quellen weisen wiederholt auf eine Distanz zu den Geschehnissen hin, die sich auf die Hilflosigkeit gegenüber den durch Gewalt erzwungenen Umständen gründet. Die Erfahrungen mit der Beschlagnahme verdeutlichten der Gemeinde bereits ihre Grenzen, die sich in der Reaktion auf die tödlichen Folgen des Konzentrationslagers zu einer resignativen Behandlung des Zustandes fortsetzt. Zudem fehlte aufgrund der Vakanzzeit und des zeitweise häufigen Vertretungswechsels die Stabilität in der Gemeinde, welche darüber hinaus nachhaltig durch die Auseinandersetzungen mit den Deutschen Christen beeinträchtigt wurde. Demzufolge wurde die Ausbildung einer belastungsfähigen und geschlossenen Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus sehr erschwert, so dass es nicht verwunderlich ist, dass die Gemeinde den Ereignissen, insbesondere im Krieg, unvorbereitet und weitgehend unorganisiert gegenüber stand. Die Verantwortung für die Kirchengemeinde konnte durch Janßens hohe Arbeitsbelastung zu dieser Zeit, der wie alle Pastoren auch andere Gemeinden zu versorgen hatte, nicht ausreichend wahrgenommen werden. Dabei verpasste es die Kirchengemeinde ihren Handlungsspielraum und ihre Befugnisse auf dem Friedhof zu nutzen, um ein Gegengewicht gegen ihre Hilflosigkeit und ein Zeichen angesichts der Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Ort zu setzen.

Abschließend möchte ich auf meine anfangs formulierte Motivation zurückkommen, die ein besseres Verständnis über das Thema „Kirche und Nationalsozialismus“ auf regionalgeschichtlicher Ebene in Engerhafe verfolgte. Während der Erarbeitung meiner Abschlussarbeit ist mir die Komplexität durch die Vermischung von Religion mit Politik und Gesellschaft bewusst geworden, die mit dieser Thematik einhergeht. Die Lesephase der wissenschaftlichen Literatur zu Beginn führte zunächst zu einem differenzierteren Geschichtsbild von der Bekennenden Kirche, die ich zuvor fälschlicherweise als eine tendenziell politische Widerstandsbewegung gegen den NS-Staat wahrgenommen hatte. Die in der aktuellen Forschungsliteratur angeführten Verflechtungen und Vermischungen der evangelischen Kirche mit dem Nationalsozialismus und ihrer entgegengebrachten Loyalität gegenüber dem NS-Staat ließen mich die Engerhafer Kirchengemeinde sehr kritisch betrachten. Demnach hat sich mein Bild von der evangelischen Kirche in der NS-Zeit insgesamt von der idealistischen – etwas überspitzt formulierten – Vorstellung einer nächsten- und gerechtigkeitsliebenden Gemeinschaft zu einer bedingt kompromiss- und anpassungsfähigen Institution gewandelt. Dennoch hat mich die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit auch gelehrt, dass die äußeren Umstände und Bedingungen der damaligen Zeit die Perspektiven, Einstellungen und Haltungen der Menschen beeinflusste und zu Meinungen und Verhaltensweisen führten, die heutzutage ohne entsprechendes geschichtliches Wissen nicht nachzuvollziehen sind. Darüber hinaus habe ich erkannt, dass der Widerstand der innerkirchlichen Oppositionsbewegung sich vieler kleinerer Schritte bediente und einer entsprechenden Entwicklung bedurfte. Deshalb glaube ich, dass Schomerus zu den außergewöhnlicheren ostfriesischen Pastoren zählte, dessen intensives Engagement für die Landeskirchliche Sammlung mich besonders fasziniert hat.

Letztlich bleibt das Konzentrationsaußenlager Neuengamme in Engerhafe auch nach der thematischen Auseinandersetzung auf der Suche nach Antworten angesichts des geschehenen Unrechts ein trauriges Kapitel Engerhafer Geschichte. Durch die ausgeführte Analyse der Quellen und die Berücksichtigung der beschriebenen Rahmenbedingungen konnte ich mir zumindest mutmaßliche Erklärungen für die damaligen Zustände und das Verhalten der Engerhafer Kirchengemeinde erschließen. Insofern stellt die Beschäftigung mit diesem Thema für mich eine große Bereicherung in Bezug auf das Verstehen geschichtlicher Entwicklungen und auf die Lehren dar, die für die Zukunft daraus gezogen werden müssen.

 

 

Quellen- und Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Pfarrarchiv Engerhafe:
PAE, 110 Geschichtliches 1872-1945
PAE, 110 – 5 Kirchenkampf 1933-1939
PAE, 110 – 6 Krieg 1914-1945
PAE, 112 – 1 Äußerungen kirchlichen Lebens 1880-1949
PAE, 121 – 1 Archivbenutzung
PAE, 163 Bekenntnisgemeinschaft ca. 1935
PAE, 186 Parteien, Verbände 1919-1938
PAE, 354 Presse 1877-1939
PAE, 530 Allgemeines 1942, enthält Inanspruchnahme des Pfarrgartens für ein Arbeitslager
PAE, HS 11 Kirchenvorstandsprotokolle 1930-1960
PAE, HS 28 Chronik 1914-1955

Pfarrarchiv Münkeboe-Moorhusen:
PAM, 110-5 Kirchenkampf
PAM, 142 Superintendent
PAM, 351-2 Bibelabende – Bibelmission

Landeskirchliches Archiv Hannover:
Kirchenkampfdokumentation:
Mitgliederliste Deutsche Christen, LKA, S1 H III 1002 a Ostfriesland, Kirchenkampf, Sommer 1933
Schreiben Pastoren der LS an Meyer vom 18.11.1933, LKA, S1 H III 1002 b Ostfriesland Kirchenkampf, enthält: Proteste gegen P. Heinrich Meyer als Landespropst
Schreiben Pastoren der LS an den Kirchensenat vom 29.11.1933, LKA, S1 H III 1002 b Ostfriesland Kirchenkampf, enthält: Proteste gegen P. Heinrich Meyer als Landespropst
LKA, S1 H III 1002 c Ostfriesland Kirchenkampf, Frühjahr 1934, enthält: Auseinandersetzung zwischen Landeskirchlicher Sammlung und Deutschen Christen
LKA, S1 H III 1002 d Ostfriesland Kirchenkampf, enthält: Eingliederung Hannovers und Vertrauensfrage des Landesbischofs

Ephoralarchiv Aurich / Großefehn, Specialia Engerhafe:
LKA, D 80 122 Archiv
LKA, D 80 131 Kirchenvorstand
LKA, D 80 2020 Vakanz und Vikarie

Generalsuperintendantur Aurich:
LKA, A 12 d 227 Visitationsbericht Engerhafe 1935
LKA, A 12 d 749 Lutherische Kirche und Nationalsozialismus 1929-33

Staatsarchiv Aurich:
StA AU, Rep. 100 Nr. 1640 Benutzer NSDAP-Dienststellen, enthält: Anfragen der Reichsstelle für Sippenforschung (Berlin) von 1937 und 1942

Verein KZ-Gedenkstätte Engerhafe:
Tonaufzeichnung der Zeitzeugenbefragung auf der Gedenkveranstaltung „Aus 13 Ländern Europas“ vom 20.10.2012, http://www.kz-gedenkstaette-engerhafe.de/aktuelles.html
Kohlhoff, Ulrich, Begrüßung zur Gedenkveranstaltung „Das Fenster öffnen“, 23.10.2010, Internetseite: http://www.gedenkstaette-kz-engerhafe.de/aktuell101023.html (abgerufen am: 29.08.2012)
Müller, Herbert, Eisige Stille – das Lager in Engerhafe, Öl auf Japanpapier, 2013

Bunkermuseum Emden:
BME, Lager-Engerhafe Ausgabe, Akten-Nr. 673/81
BME, Lager-Engerhafe Ausgabe, Akten-Nr. 683-06
BME, Lager-Engerhafe Ausgabe, Akten-Nr. 683-36

Sekundärliteratur

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Abkürzungsverzeichnis

DC = Deutsche Christen
BME = Bunkermuseum Emden
Gestapo = Geheime Staatspolizei
HJ = Hitlerjugend
LKA = Landeskirchliches Archiv
LS = Landeskirchliche Sammlung
NSDAP = Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei
PAE = Pfarrarchiv Engerhafe
PAM = Pfarrarchiv Münkeboe
RfS = Reichsstelle für Sippenforschung
StA AU = Staatsarchiv Aurich
SS = Schutzstaffel